Agent Orange

Der tödliche Einsatz eines Entlaubungsmittels

Kurz nachdem Vietnam am Ende des Indochinakriegs (1946-1954) die Unabhängigkeit von Frankreich erlangte, wurde das Land in Nord- und Südvietnam aufgeteilt. In der Folge kam es zum Bürgerkrieg. Der Bürgerkrieg entwickelte sich zu Beginn der 60er Jahre immer stärker zu einem Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg: der Norden wurde von der UdSSR und China unterstützt, der Süden erhielt Rückendeckung durch die USA. Diese befürchtete den sogenannten «Dominoeffekt», d.h. dass sich ostasiatische Länder zunehmend dem Kommunismus zuwenden und diesen übernehmen würden.

In der Folge begannen die USA, direkt in Vietnam zu intervenieren. Diese Intervention sollte sich über Jahre hinziehen; die Vereinigten Staaten, aber auch Unterstützerstaaten wie Thailand, Australien, die Philippinen usw. versuchten den Widerstand des Nordens vergeblich durch Bodentruppen, Bombardierungen und indirekt durch den Einsatz von Herbiziden zu brechen.

Von 1965 bis 1970 wurde das Entlaubungsmittel «Agent Orange» von der US-amerikanischen Luftwaffe sowie Alliierten der USA eingesetzt; der Name stammte von den orangefarbenen Erkennungsstreifen auf den 55-Gallonen-Fässern, in denen es gelagert wurde. Einerseits sollte dadurch der Dschungel entlaubt werden, um Verstecke der nordvietnamesischen Armee aufzudecken, andererseits Getreide vernichtet werden, welches Armeeangehörige ernähren könnte. Agent Orange hatte aber auch eine verheerende Wirkung auf Mensch und Umwelt, die bis heute zu spüren ist. Dass noch heute Gebiete mit der Verseuchung zu kämpfen haben, liegt nicht an den Pflanzenschutzmitteln, aus welchem Agent Orange bestand. Im Gegenteil: die Mittel regen das Pflanzenwachstum an und die Halbwertszeit liegt nur bei einigen Tagen oder Wochen. Die wirkliche Gefahr für Mensch und Umwelt ist ein Nebenprodukt, welches potentiell bei der Herstellung der Trychlorphenoxyessigsäure (chemische Verbindung) entsteht. Es wird Tetrachlordibenzodioxin (TCDD) genannt und die Verbindung ist das giftigste aller Dioxine (unerwünschte Nebenprodukte, die hauptsächlich bei Verbrennungsprozessen vorkommen). Bereits kleine Mengen können zu Krebs, Organschäden oder Fehlbildungen bei Kindern führen. Für die Bevölkerung Vietnams bedeutet die Exposition gegenüber Agent Orange dementsprechend eine ungewöhnlich hohe Zahl von Fehlgeburten, Hautkrankheiten, Krebserkrankungen, Geburtsfehlern und angeborenen Missbildungen, die seit den 1970er-Jahren auftreten.

Die Vietnamese Association of Victims of Agent Orange geht davon aus, dass es mehr als drei Millionen Opfer durch Agent Orange gibt und dass hunderttausende Vietnames:innen und amerikanische Armeeangehörige an den Spätfolgen des Herbizids leiden. Die USA hat bisher nur relativ kleine Beiträge zur Verbesserung der Situation geleistet; die Unterstützung gilt in erster Linie ihren eigenen Veteraninnen und Veteranen.

Green Cross Switzerland und Agent Orange

Green Cross Switzerland (GCCH) begann 1998, Hilfsprojekte in Vietnam durchzuführen. Bereits früh wurde auf unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. GCCH baute im Rahmen des SOCMED-Programms („Social and Medical Care and Education“) ab 2001 ein Informations- und Präventionsprogramm für Betroffene, aber auch für die vietnamesische Öffentlichkeit auf. Zudem begann es das 1997 gegründete VIETCOT zu unterstützen. Das VIETCOT ist eine Aus- und Weiterbildungsinstitution für Orthopädietechniker:innen und behandelt auch vor Ort Kinder, die Orthesen oder Prothesen benötigen. Die Ausbildungsstätte VIETCOT ist heute als Teil des Bildungssystem des Landes offiziell anerkannt. GCCH unterstützt die Ausbildung von Orthopädiefachkräften mit Stipendien. Ausserdem kooperiert GCCH mit verschiedenen Gesundheitseinrichtungen und Tagesstätten, die Strukturen stärken, um Agent-Orange-Betroffenen insbesondere aus ärmeren Verhältnissen beizustehen. Mit wenig administrativem Aufwand soll medizinische, psychologische und soziale Unterstützung geleistet werden.

In Kooperation mit GCCH reisen zusätzlich Gesundheitsfachkräfte aus der Schweiz regelmässig nach Vietnam und leisten mit ihrer Expertise Hilfe vor Ort (z.B. beim VIETCOT ).

Weiterführende Informationen zu Agent Orange finden Sie hier:

 

Agent Orange (Informationswebsite)

Agent Orange (kompakte Darstellung des Entlaubungmittels)

Das Gift, das bleibt (schlüssiger Artikel mit Hintergrundinformationen)

Gifteinsatz im Vietnamkrieg – Agent Orange und die Folgen bis heute (Podcast)

«Ich wollte unbedingt kämpfen und der Wunsch wurde mir erfüllt» (Podcast)

Literaturhinweise

Frey, Marc: Geschichte des Vietnamkriegs, 2022.

Jaeggi, Peter: Krieg ohne Ende. Spätfolgen des Vietnamkrieges Agent Orange und andere Verbrechen.

Martini, Edwin E.: History, Science and the Politics of Uncertainty, 2012.

Ward, Geoffrey C.; Burns, Ken: The Vietnam War. An Intimate History, 2019.