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04.07.2024

30 Jahre GCCH: Ehrung Roland Wiederkehr

30 Jahre GCCH: Ehrung Roland Wiederkehr

Anlässlich des 30jährigen Bestehens von Green Cross Switzerland wurde Roland Wiederkehr am 22. Juni 2024 für seine Lebensleistung geehrt und ins Patronat unserer Stiftung aufgenommen. Béatrice G. Lombard-Martin, unsere Stiftungsratspräsidentin, und unser Geschäftsführer Martin Bäumle überreichten Wiederkehr dafür feierlich eine Urkunde. Gemeinsam mit Michail Gorbatschow gründete Roland Wiederkehr im Jahr 1993 Green Cross International, im folgenden Jahr Green Cross Switzerland. Bis heute setzt sich unser Hilfswerk für die Betroffenen von menschengemachten Katastrophen ein. Was wir in den letzten 30 Jahren erreicht haben, wäre ohne die Pionierarbeit von Roland Wiederkehr nicht möglich gewesen.

Die Idee hinter Green Cross war, eine Organisation nach dem Vorbild des Internationalen Roten Kreuzes zu schaffen, die sich jedoch auf Umweltschutz, nukleare Abrüstung, Sicherheitspolitik und die Bewältigung von menschgemachten Katastrophen, insbesondere Industrie- und Militärkatastrophen, fokussiert. Ein wichtiges Ziel ist bis heute die rasche und langfristig wirksame Hilfe zur Selbsthilfe geblieben. Das länderübergreifende SOCMED-Programm (Social and Medical Care and Education) ist deshalb rasch zu einem Schwerpunkt unserer Stiftung geworden.

Seit der Gründung sind wir stark auf die Bewältigung der Tschernobyl-Katastrophe in den am stärksten betroffenen Gebieten in der Ukraine, Russland und Belarus fokussiert. Als eine von nur wenigen NGOs führen wir unser Engagement in diesem Bereich bis heute fort, soweit es die durch den Ukrainekrieg bedingten Umstände zulassen.

Zudem engagierten sich Roland Wiederkehr und Green Cross Switzerland erfolgreich im Bereich der Chemiewaffenregulierung und -vernichtung. So setzte sich Wiederkehr beispielsweise erfolgreich für die Beteiligung der Schweiz an der Umsetzung der Chemiewaffenkonvention ein. Seit 1998 sind wir auch in Vietnam tätig, wo der Einsatz des Entlaubungsmittels „Agent Orange“ im Krieg (1965-70) immer noch sehr gravierende Konsequenzen für Mensch und Umwelt hat. Wiederkehr erkannte, dass in diesem Bereich dringend Hilfe geleistet werden muss, weil sich die Verantwortlichen nach wie vor ihrer Verantwortung entziehen.

Nach der Ausweitung der Projektarbeit in zahlreiche weitere Länder folgte Mitte der 2010er-Jahre eine Fokussierung auf die Projektarbeit in der Region um Tschernobyl sowie Vietnam. Die Gegenwart wird vom Ukrainekrieg geprägt, d.h. von der dadurch bedingten Einschränkung der Projektarbeit in Belarus, der Umstellung auf Nothilfe für Kriegsbetroffene in der Ukraine und der vorläufigen Beendigung der Tätigkeit in Russland.

Roland Wiederkehr kann der Zukunft von Green Cross Switzerland zufrieden und optimistisch entgegenblicken. In den letzten Jahren konnte unsere Stiftung dank erfolgreichem Fundraising beträchtliche Reserven aufbauen und erhöht die Projektausgaben nun schrittweise. Auch wenn wir der Ausweitung der Projektarbeit in neue Länder offen gegenüberstehen, steht fest, dass unsere Stiftung der Ambition Wiederkehrs in den Jahren nach der Gründung treu bleiben und weiterhin einen Schwerpunkt auf das Engagement in der Region um Tschernobyl legen wird. Soweit es die Umstände des Krieges zulassen, und insbesondere nach dem Krieg, wird dort der Ausbau des SOCMED-Programms eine prioritäre Aufgabe unseres Hilfswerks sein.

Im Interview mit Green Cross-Mitarbeiter Jakob Vetsch gibt Roland Wiederkehr Einblicke in die Entstehung von Green Cross Switzerland.

Lieber Roland, wir freuen uns, Dich als Gründungspersönlichkeit von Green Cross Switzerland in unseren Räumen willkommen zu heissen. Gerne möchten wir zusammen auf die Entstehungsgeschichte unserer Stiftung zurückblicken. Zum Einstieg: Welche Eigenschaften muss eine Gründerpersönlichkeit generell mitbringen? Welche Umstände müssen erfüllt sein, damit es zur Gründung einer Organisation kommt?

Vielen Dank für die Einladung, welche ich gerne angenommen habe. Ich habe auch gedacht, dass es Wissenslücken im Hinblick auf die Entstehungsgeschichte gibt, Dinge, die bei Green Cross Switzerland weniger bekannt sind. Ich war 20 Jahre der Geschäftsführer des WWF und verliess die Umweltorganisation, nachdem mir der administrative Aufwand zu gross geworden war. Ich bin Pionier; ich wollte etwas aufbauen und habe mich deshalb für das Grüne Kreuz* entschieden. Weshalb? Beim WWF waren die neuen Gefährdungen der Menschheit, wie z.B. die Klima-, Chemie- oder Industriekatastrophen ein geringes Thema. Es durfte auch kein Thema beim WWF sein, weil es uns überfordert hätte. Ich dachte mir: Es braucht ein zusätzliches Gefäss, welches der Idee vom Roten Kreuz nachgeht, umgemünzt auf die ökologischen Katastrophen. Das Rote Kreuz teilte mir Anfang der 90er Jahre mit, dass sie keine Kapazitäten für diese Themen hätten. Obwohl das heute anders aussieht, habe ich mich damals entschieden, das Grüne Kreuz zu gründen.

Das Grüne Kreuz als Ergänzung, als Umweltentsprechung zum Roten Kreuz.

Exakt. Aufgrund der verlässlichen Strukturen wollte ich diese Gründung in der Schweiz vollziehen. Wir gingen davon aus, dass die Schweiz weniger Korruption kennt und es für uns leichter ist, eine Organisation zu gründen. Zudem können Spenden an Stiftungen von den Steuern abgesetzt werden. Diese Tatsache war ein weiterer Vorteil.

Die Schweiz wurde bisher von grösseren Katastrophen, wie z.B. Chemieunfällen, verschont und im Land herrschen keine kriegerischen Auseinandersetzungen. Kann diese Ruhe die Projektentwicklung begünstigen?

In der Schweiz kann davon ausgegangen werden, dass die Ideen durchdacht sind und Rechtssicherheit gegeben ist. Aus diesem Grund setzte ich mich für einen Hauptsitz von Green Cross in Genf ein und habe Kontakt mit Flavio Cotti, damaligem CVP-Bundesrat, aufgenommen. Er wurde an die erste UNO-Konferenz für Umweltfragen eingeladen und ich habe ihn gebeten, die Idee des Grünen Kreuzes dort zur Debatte zu stellen. Gleichzeitig haben wir als Petition 150’000 Unterschriften gesammelt, um die Idee zu bestärken. Was stand hinter dieser Idee?

Du hast zuvor die Chemieunfälle erwähnt bzw. -waffen angedeutet. Nach Beendigung des Kalten Kriegs wurde von der sauberen Vernichtung sämtlicher Chemiewaffen gesprochen, ohne dass sie wieder verwendet werden können für neue Zwecke. Als ich selbst in Russland war, konnte ich beobachten wie lasch die Sicherheitsvorschriften für die Lagerung von Chemiewaffen war: Zu tausenden wurden sie in Wellblechhütten gelagert und nur mit einem einfachen Schloss gesichert. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren diese Lager unbewacht und auch die Standorte waren nicht bekannt. Erst durch langwierige Arbeiten erfuhren wir weitere Details. Mit dieser Grundlage konnten wir Dokumente erstellen, welche die dringende Bedeutung der Zerstörung der Chemiewaffen hat. Ich habe mich für den Einsatz der Schweiz in diesem Prozess stark gemacht. Mit Erfolg: Die Schweiz steuerte 16 Mio. Franken für die Umsetzung der Chemiewaffenkonvention bei. Heute werden die Chemiewaffen, wie wir leider Zeuge wurden, wieder eingesetzt, wie z.B. im Syrienkrieg.

Du hast Dich früh für Umweltthemen stark gemacht. Als Parlamentsmitglied kanntest Du den bereits erwähnten Bundesrat Flavio Cotti. Hat er in Bezug auf Dein Anliegen eine zündende Funktion international übernommen? Konnte er international eine Türe öffnen?

Ja das ist richtig. Es war aber auch zentral, dass man durch das Sammeln der 150’000 Unterschriften von unten, also «bottom up», Druck aufbauen und es dem Bundesrat vorlegen konnte. Ich habe auch eine parlamentarische Gruppe Green Cross gegründet, bei welcher viele Parlamentarier:innen dabei waren, die wiederum auch die Petition zur Gründung von Green Cross unterschrieben haben. Damit im Schweizer Parlament weiter für Umweltthemen sensibilisiert werden konnte, habe ich die maledivische Regierung nach Bern eingeladen. Denn die Malediven kämpfen bis heute mit dem ansteigenden Meeresspiegel. Aus Dankbarkeit für diese Einladung haben sie dem Grünen Kreuz einen Wimpel geschenkt. Medial wurde dieses Thema zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgegriffen.

Dann musste zuerst entsprechendes Bewusstsein für die Schweizer Öffentlichkeit geschaffen werden?

Das ist mit vielen Angelegenheiten so, oder? Ähnliches sehen wir heute mit der Klimakrise. Da gibt es sogar wieder Gegenpositionen.

Die Förderung des Bewusstseins für Umweltprobleme war auch damals ein grosses Thema. Ich habe Gorbatschow angefragt, ob er eine Rede vor dem Schweizer Parlament halten möchte, was er auch getan hat. Er hielt eine spannende, gute Rede über Frieden, Abrüstung und wie Gelder eingesetzt werden können. Das war das Credo von uns beiden: Wir waren der Überzeugung, dass Geld gebraucht wird, um den Planeten zu erhalten. Um weitere Sympathisant:innen für unsere Idee zu finden, reisten wir zusammen in die USA. In Kalifornien trafen wir viele Schauspieler:innen, die wir für unsere Mission gewinnen konnten. Ein Multi-Millionär war zudem bereit, das Grüne Kreuz USA zu unterstützen. Bis heute ist das Grüne Kreuz in Kalifornien stark.

Du hast zuvor Michail Gorbatschow erwähnt. Er wird immer wieder als Gründungspräsident von Green Cross neben Dir als Direktor erwähnt. Wie kam dieser Kontakt zustande?

Ich habe ein Telefon aus dem Umkreis von Gorbatschow erhalten und sie meinten, sie würden uns gerne treffen. Sie hatten eine ähnliche Idee wie ich; also die Etablierung einer Umweltorganisation à la Grünes Kreuz. Wir haben uns in New York getroffen und beschlossen, gemeinsame Sache zu machen. Ich habe Gorbatschow als ehrliche und gutmütige Person kennengelernt.

Nach dem Tod von Gorbatschow am 30. August 2022 hast Du dem Schweizer Fernsehen ein Interview gegeben und das SRF hat das Interview mit einem Zitat von Gorbatschow getitelt: «Gorbatschow wollte, dass alle genug haben aber nicht zu viel.»[1]

Ja, ich war erstaunt, weil Gorbatschow eigentlich in Moskau nur in einer 3-Zimmer Wohnung gelebt hat.

Damals entstanden in kurzer Zeit verschiedene neue Ableger, Du erwähntest z.B. die USA oder die Schweiz. Wie sah die Zusammenarbeit mit den anderen nationalen Ablegern aus?

Ich konnte leider aufgrund des damit verbundenen Aufwandes nicht allzu lange bleiben. Gorbatschow machte mich zum Direktor von Green Cross International und es war eine grosse Belastung, weil ich die Hälfte der Woche in Den Haag, dem Sitz einer der besten Green Cross-Ableger, und die restliche Zeit in Genf gewesen bin. Ich muss meiner Frau Marianne danken, die sich zu dieser Zeit vor allem um die Kinder gekümmert hat. Als die Zuständigkeiten neu aufgeteilt werden konnten, war ich froh, denn ich war auch tätig für andere nationale Ableger von Green Cross. Dieser grosse Aufwand wurde mir zu viel.

Gorbatschow und Du waren natürlich auch wichtig für die Gründung von Green Cross Schweiz. Wie siehst Du die Entwicklung von Green Cross Schweiz? Erkennst Du neue Projektmöglichkeiten in Bezug auf Umweltlage und Klimafaktoren?

 Die Situation sieht heute sicherlich anders aus. Viele Organisationen haben die Themen aufgegriffen, auf die wir in den 90er Jahren aufmerksam gemacht haben. Ich möchte jedoch auch noch betonen, dass neben den Russen auch die Amerikaner Dinge getan haben, die Mensch und Umwelt geschadet haben, wie der Einsatz von Agent Orange in Vietnam. Aus diesem Grund wollte ich auch, dass sich Green Cross auch in Vietnam engagiert und habe mit freiwilligen Orthopädist:innen und Ärzt:innen, namentlich u.a. Dr. Daniel Hueskes und Dr. Claude Müller Projekte begonnen umzusetzen, welche die durch das Herbizid beeinträchtigten Kinder und Jugendliche behandeln sollten. Ich bin glücklich, dass ihr diese Arbeit auch heute noch fortsetzt.

Zu Deiner Frage, was in Zukunft getan werden könnte. Ich glaube heute müssen Teams mit anderen Organisationen gebildet werden. Denn zusammen kann wesentlich mehr erreicht werden, es entsteht so auch einen grösseren Druck.

Ich habe immer versucht mit anderen zusammenzuarbeiten, auch beim WWF. Natürlich ist das Erreichen der Ziele eine komplexe Arbeit. Vor Herausforderungen wird man immer gestellt und Enttäuschungen müssen verkraftet werden.

Gut, dass Du das erwähnst. Welche besonderen Herausforderungen waren bei der Gründung von Green Cross vorhanden? Traten Rückschläge oder Enttäuschungen auf?

Nein, die Gründungsphase von Green Cross lief sehr gut, weil es mit dem Namen «Gorbatschow» verbunden war. Erst später kamen Kleinigkeiten dazu, wie z.B. die Tatsache, dass rechtsbürgerliche Kreise im Parlament die Rede von Gorbatschow verhindern wollten. Generell musste ich auch aufgrund des Stresses loslassen. Denn Stress macht – wie wir wissen – auch krank.

Ja, so erleben wir Dich auch bei Green Cross Schweiz. Du warst an unserem Charity Event präsent, bist unser Interviewpartner und dennoch habe ich es nicht erlebt, dass Du Dich hier einmischst.

Ja, wie Du weisst, setzte ich mich ja auch noch für andere Organisationen oder Fragestellungen ein, z.B. Roadcross oder die zunehmende Prämienproblematik. Gleichzeitig war ich froh, die Arbeit an andere zu übergeben, auch bei Green Cross.

Hättest Du noch abschliessend einen Wunsch an Green Cross Schweiz?

Ich denke die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und der Einsatz für die sehr grossen Probleme, wie z.B. die Klimakrise, ist wichtig. Ich könnte mir z.B. vorstellen, dass man wieder die Regierungen von der globalen Erwärmung stark betroffenen Staaten einlädt, wie wir das mit der maledivischen Regierung getan haben. Ich bin überzeugt, dass die Medien diese Themen heute völlig anders aufgreifen würden.

Vielen Dank für Deine Anregung und Deine Teilnahme. Wir freuen uns sehr, dass wir Dich in einem Gespräch kennenlernen durften und wir das gute Einvernehmen weiterführen können.

* Heute wird die internationalisierte Version des Namens, «Green Cross Switzerland» verwendet.

[1]  srf.ch/news/schweiz/schweizer-weggefaehrte-gorbatschow-wollte-dass-alle-genug-haben-aber-nicht-zu-viel

17.05.2024

Langjährige & erfolgreiche Zusammenarbeit

Langjährige & erfolgreiche Zusammenarbeit

Seit 20 Jahren arbeiten Green Cross Switzerland und das Krankenhaus für Orthopädie und Rehabilitation in Da Nang im Rahmen des Socmed-Programms zusammen. Diese Kooperation führte dazu, dass Tausende von Agent-Orange-Betroffenen, grösstenteils Kinder, dringend benötigte medizinische Unterstützung in Form von operativen Behandlungen, Prothesen und Orthesen sowie Rehabilitation erhielten.

Im Rahmen eines Arbeitsbesuches des Basler Orthopädie-Spezialisten Dr. Daniel Hueskes fand jüngst eine Ehrung für dieses humanitäre Engagement statt. Dr. Thanh, Direktor des Krankenhauses, überreichte Herrn Dr. Hueskes sowie Frau Pham Thuy, der Projektkoordinatorin des Socmed-Programms von Green Cross in Vietnam, eine Urkunde als Dank für die langjährige Kooperation.   

Während des Besuches von Dr. Hueskes wurden in Zusammenarbeit mit den lokalen Orthopädietechniker:innen acht Patient:innen untersucht. Zusätzlich führten Dr. Hueskes und lokalen Fachkräfte Untersuchungen im Vietcot, der Ausbildungsstätte für Orthopädietechniker:innen in Hanoi, durch. Dabei wurden zwölf Patient:innen untersucht und weitere Behandlungen definiert.

Diese wertvolle Arbeit unterstreicht die Bedeutung der internationalen Kooperation, um das Leben und die Lebensqualität von Opfern von hochgefährlichen Herbiziden wie Agent Orange dauerhaft und positiv zu verändern.

22.03.2024

“Krieg ohne Ende” – Interview mit Peter Jaeggi

“Krieg ohne Ende” – Interview mit Peter Jaeggi

Der freischaffende Journalist, Fotograf und Filmemacher Peter Jaeggi widmet sich seit langem der Erforschung der Auswirkungen von Katastrophen. In seinem neuesten Buch mit dem Namen ‘Krieg ohne Ende’ befasst er sich mit den Spätfolgen des Einsatzes des hochgiftigen Herbizids ‘Agent Orange’ während des Vietnamkrieges. Peter Jaeggis Arbeit trägt dazu bei, das Bewusstsein für die langfristigen Folgen zu schärfen. Ein Beitrag, dass die betroffenen Menschen nicht vergessen werden.

Im Interview mit Green Cross Switzerland gibt Peter Jaeggi Einblicke in sein neuestes Buch, das sich durch eine intensive Vor-Ort-Recherche auszeichnet.

Wie sind Sie zum Thema dieses Buch gekommen und weshalb war es für Sie persönlich ein Anliegen?
Alles begann mit Roland Wiederkehr. Ich kannte den damaligen Nationalrat und Gründer des Green Cross bereits vor dessen Anfangszeiten, als er der erste Geschäftsführer des WWF Schweiz war. Ende der Neunzigerjahre lud mich Roland Wiederkehr im Namen des Grünen Kreuzes nach Belarus ein, um die Spätfolgen der Tschernobyl-Katastrophe zu dokumentieren. Belarus wurde am stärksten vom Super-GAU getroffen. Green Cross führte mich schliesslich auch nach Vietnam, um zu den Spätfolgen des Vietnamkrieges zu recherchieren. Im Jahr 2000 erschien mein erstes Buch dazu, mit dem Titel «Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig». Dieses zweite journalistische Langzeitprojekt begleitet mich bis heute. Das neue Buch «Krieg ohne Ende» ist bereits das dritte zum Thema des Chemiewaffeneinsatzes von damals.

Für die Entstehung Ihres Buches haben Sie eine Vor-Ort-Recherche durchgeführt, die zahlreiche Gespräche mit den Betroffenen von Agent Orange beinhaltete. Gibt es eine Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Sehr viele. Auf unserer ersten Recherchereise begegneten wir der jungen Mutter Phan Thi Cuc und ihren drei Kindern. Die beiden älteren wurden mit einem Körper geboren, dessen Anblick kaum erträglich war. Ich hatte vorher noch nie derartige Missbildungen bei einem Menschen gesehen. Der Vater kam im Krieg mit dem dioxinhaltigen Agent Orange in Kontakt. Dioxin schädigt das Erbgut. Er ertrug den Anblick seiner behinderten Kinder nicht und nahm sich das Leben – mit einem Pestizid. Die meisten Begegnungen mit Opfern und ihren Familien gehen unter die Haut. Viele Betroffene brauchen eine 24-Stunden-Betreuung. Die Eltern sind meist arm und müssen häufig ohne fremde Hilfe zu Rande kommen. Dies oft während Jahrzehnten, da die Kinder immer älter werden und es an geeigneten Heimen fehlt. 

Sie schreiben: «Ein Lexikon zeigt: Im Vietnamkrieg war die halbe Welt involviert.» Wie müssen wir uns diese Situation vorstellen?
Nur einige Beispiele: Die Schweiz lieferte Zeitzünder sowie Pilatus-Porter-Flugzeuge, mit denen Bomben abgeworfen wurden und die mit Maschinengewehren bestückt werden konnten. Neben Staatsangehörigen aus den USA waren auch Soldatinnen und Soldaten aus Australien, Neuseeland, Kanada und Südkorea an der Front in Vietnam. Die damalige DDR baute ein Luftverteidigungssystem auf, die Bundesrepublik Deutschland entsandte Tausende von Technikern, unter anderem jene, die auf Waffensysteme spezialisiert waren. Die japanische Insel Okinawa war im Vietnamkrieg die wichtigste Luftwaffenbasis der USA. Dort wurden mehr als tausend Atombomben, aber auch Nervengas und Agent Orange gelagert.

Das zentrale und notwendige Hauptthema ihres Buches sind die Opfer von Agent Orange. War es für Sie besonders wichtig, den Opfern eine Stimme zu geben, die ja ansonsten – unabhängig von Konflikten – schnell vergessen werden?
Katastrophen und Kriege hören mit dem Schweigen der Waffen nicht einfach auf. Am wenigsten für die Opfer. Wie das Beispiel Vietnam zeigt, können Kriege Mensch und Natur über Generationen hinweg schädigen. Die vietnamesische Opfervereinigung VAVA spricht heute bereits von der fünften Generation von Kindern, die Agent-Orange-geschädigt geboren werden. Es kann nicht gesagt werden, wie viele weitere Generationen noch betroffen sein werden. Es ist sehr wichtig, dass das Leiden der Opfer nicht vergessen und darüber informiert wird.

Wie schätzen Sie die derzeitige Situation der Betroffenen in Vietnam ein?
Ich habe Kriegsveteraninnen und -veteranen stets gefragt, was sie heute für die USA empfinden. Fast ausnahmslos kam als erste Antwort: «Was geschehen ist, ist geschehen. Man muss verdrängen, um weiterleben zu können, nach vorn schauen.» Doch ist es auch die Stimme des Herzens? In der traditionellen vietnamesischen Kultur trägt man Schmerz und Trauer nicht auf der Zunge. Spricht man länger mit Kriegsopfern, hört man oft die Enttäuschung darüber, dass sich Washington bis heute nie für diesen Krieg entschuldigt hat. Die USA helfen zwar seit Jahren, stark vergiftete Agent-Orange-Hotspots zu sanieren. Man investiert Hunderte von Millionen. Viele Betroffene beklagten sich aber in meinen Interviews darüber, dass dabei die Opfer zu kurz kommen und nicht genügend unterstützt werden.

Was denken Sie, ist heutzutage notwendig, um den Opfern der Katastrophe gerecht zu werden?
Es braucht mehr Geld, um betroffenen Familien ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Zum Beispiel Pflegepersonal, das überforderten Eltern hilft. Da ist zwingend auch mehr Engagement der USA gefragt – aber auch von Vietnam selbst. Es fehlen zudem zuverlässige Opferstatistiken. Diese wären wichtig für die Planung von Hilfestellungen. Wie kann man effizient helfen, wenn man gar nicht weiss, wie viele Opfer es tatsächlich gibt? – Der Chefarzt eines grossen Spitals beklagte sich im Interview über Ausbildungslücken bei Ärztinnen und Ärzten. So sei das Erkennen und rechtzeitige Behandeln von Geburtsfehlern sehr schwierig. Für die spätere Gesundheit betroffener Menschen sei eine professionelle Früherkennung jedoch zentral.

Sie sprechen in Ihrem Buch auch über betroffene Veteran:innen: Wie entwickelte sich die Situation für Militärangehörige (der USA)?
Man vergisst häufig, dass auch Hunderttausende von amerikanischen Vietnamkriegsveteranen und -veteraninnen Agent-Orange-geschädigt sind. In den USA muss ein Veteran keine Beweise erbringen, dass Agent Orange an seinem Leiden schuld ist. Es genügt der Nachweis, dass er oder sie im Vietnamkrieg war, und die medizinische Behandlung wird bezahlt. Von vietnamesischen Agent-Orange-Opfern hingegen fordern die USA einen Beweis – der nach strikten wissenschaftlichen Kriterien nicht zu erbringen ist. So kann zum Beispiel nicht ermittelt werden, welchen Anteil einer Vergiftung durch Agent Orange und wieviel von anderen Quellen verursacht worden ist. Das ist ein Hauptgrund, weshalb Washington und die US-Gerichte bis heute alle Forderungen nach Kompensation abgelehnt haben. Für das offizielle Amerika gibt es also zwei Klassen von Agent-Orange-Opfern: die eigenen, denen teilweise Agent-Orange-Krankheiten zugestanden werden, und die vietnamesischen, die Washington nicht als Giftopfer anerkennt. Der amerikanische Vietnamkriegsveteran Chuck Searcy sieht darin eine «kriminelle Doppelmoral». Searcy gehört zu jenen ehemaligen Soldaten, die in Vietnam geblieben sind und dort grossartige humanitäre Arbeit leisten. Er war u.a. Mitbegründer des «Project Renew», einer NGO, die Blindgänger aufspürt und entsorgt und so schon unzähligen Menschenleben rettete.

Auch gehen Sie auf die notwendige juristische Aufarbeitung ein, die jedoch oft einem Kampf «David gegen Goliath» gleicht. Fast alle Wiedergutmachungsklagen gegen die Herstellerfirmen von Agent Orange werden mit der Begründung abgewiesen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Agent Orange und Missbildungen nicht bewiesen werden kann. Besteht dennoch Hoffnung, die Klagen auch in Zukunft weiterzuführen?
Eine grosse Hoffnung steckt momentan in dem laufenden Gerichtsverfahren, das die Vietnam-Französin Tran To Nga in die Wege geleitet hatte. Die ehemalige «Vietcong» – so nannte man despektierlich Angehörige der südvietnamesischen Befreiungsfront  – verklagte 2014 die grössten Hersteller von Agent Orange auf Schadenersatz. In der ersten Instanz verlor Tran To Nga das Verfahren. Dieses wurde jahrelang mit teilweise abenteuerlichen Forderungen verschleppt. Das erstinstanzliche Gericht in Évry begründete 2021 das Urteil damit, dass Firmen, die im Auftrag des Staates gehandelt hätten, Immunität geniessen würden, sie also nicht angeklagt werden könnten. Die Anwälte der heute 82-jährigen zogen das Urteil weiter. Im kommenden Mai wird nun das höchste französische Berufungsgericht in Paris das wohl endgültige Urteil verkünden. – Warum findet der Prozess in Frankreich statt? Weil die französische Gesetzgebung eine Besonderheit kennt: In Frankreich können nämlich im Gegensatz zu anderen Ländern auch Einzelpersonen einen fremden Staat verklagen, wenn dieser einer Bürgerin, einem Bürger Schaden zufügt.

 Um die Gefahr von Agent-Orange zu mildern, ist eine Dekontamination der Böden bei Dioxin-Hotspots wichtig. Die USA engagiert sich hierbei mit Millionenbeträgen. Allerdings wird die angewandte Methode zur Sanierung von einigen Expert:innen als nicht optimal eingestuft. Können Sie dies näher erläutern?
2018 wurde auf dem ehemaligen US-Luftwaffenstützpunkt und Agent-Orange-Umschlagplatz Da Nang eine rund 110 Millionen teure Sanierung beendet. Laut offiziellen Angaben wurde die dioxinverseuchte Erde auf 360 Grad erhitzt und so das Gift in unschädliche Bestandteile umgebaut. Dabei entwich ein Teil der dioxinhaltigen Abgase in die Luft und vergiftete die Umgebung erneut. Niemand weiss, welche Giftmengen entwichen. – Derzeit läuft etwa 500 Kilometer weiter südlich, in Bien Hoa, die bisher grösste Hotspot-Entgiftungsaktion. Mit dem gleichen Verfahren. Lorenz Adrian vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, der seit Jahrzehnten an vorderster Front der Dioxinforschung tätig ist, kritisiert das Verfahren scharf, das in Da Nang und jetzt wieder in Bien Hoa angewendet wird. Eine vollständige Vernichtung des Dioxins sei mit dem Hitzeverfahren nämlich gar nicht möglich. Er schlug der vietnamesischen Regierung eine auf den ersten Blick verblüffende und seiner Meinung nach sichere Lösung vor: Mit Hilfe von speziellen Bakterien können selbst hochgefährliche Giftstoffe im Boden biologisch garantiert unschädlich gemacht werden. Diese Methode könne selbst in überbauten Gebieten helfen. Es brauche eigentlich nur eine Bohrung, dann Bakterien rein – und abwarten. Es dauere zwar viele Jahre, bis das Dioxin abgebaut sei, dafür aber sei das Prozedere sicher und um ein Vielfaches billiger als die Hitzemethode.

 Was haben Sie persönlich aus Ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit diesem Thema gelernt, vor allem auch im Hinblick auf andere globale Krisenherde?
Ich antworte mit einer Gegenfrage. Angesichts von Kriegskatastrophen wie in Vietnam, nach Kriegen der Neu- und Jetztzeit scheint der Ruf «Nie wieder Krieg!» das Selbstverständlichste, das Logischste und das absolut Zwingendste und Humanste der Welt zu sein. Aber weshalb funktioniert es nicht? Weshalb immer wieder Krieg? Könnte ein Teil der Antwort auch in mangelnder Bildung liegen? Ich komme deshalb darauf, weil kürzlich darüber berichtet wurde, wie einige Schweizer Schüler Hitler als kultigen Star begreifen. Unglaublich!

 

Die Agent-Orange Fotos zu den Arbeiten von Peter Jaeggi realisiert seit 1999 der preisgekrönte Basler Fotograf Roland Schmid https://www.schmidroland.ch/

Sie können das Buch ‘Krieg ohne Ende’ über den folgenden Link bestellen. Mit dem Vermerk ‘Green Cross’ werden bei jedem Kauf eines Exemplars 5 Franken für Hilfsprojekte in Vietnam gespendet.

15.03.2024

“Samen der Hoffnung” für die Ukraine

“Samen der Hoffnung” für die Ukraine

Für die Zivilbevölkerung der Ukraine ist der Krieg weiterhin allgegenwärtig. Ständig werden kritische Infrastruktur oder Privateigentum beschädigt und vernichtet. Der Wiederaufbau benötigt Zeit, ist aber auch bereits im Gange. Etwas (wieder) entstehen bzw. auf nachhaltige Weise wachsen zu lassen, gehört zum Selbstverständnis von Green Cross Switzerland. Deshalb haben wir das Projekt «Samen der Hoffnung» lanciert, um Menschen in Konfliktzonen der Ukraine zu helfen, ihre durch das russische Militär verwüsteten Gärten und Felder wiederherzustellen.

Im Rahmen dieses Projekts stellen wir den Menschen Samen und Werkzeuge zur Verfügung und bieten Schulungen zu landwirtschaftlichen Themen an. Die Schulungen vermitteln, wie man Wasser, Erde und andere Ressourcen effizient nutzt, um Gärten und Felder nachhaltig zu bewirtschaften. Mit dieser Unterstützung können die Menschen wieder eigene Grundnahrungsmittel anbauen und ihre Familien versorgen. Bisher wurden landwirtschaftliche Schulungen in der südukrainischen Stadt Cherson organisiert, welche sich an der Front befindet. In der Region um die nördliche Stadt Tschernihiw konnten in 16 Dörfern Samen verteilt werden.

Im Februar und März 2024 konnten wir 2000 Samensätze mit 22 unterschiedlichen Sorten wie z.B. Gurken, Tomaten, Rucola oder Karotten verteilen. Mit diesen Samen können die kriegsbetroffenen Menschen eigenes Gemüse anbauen und pflegen. Die dadurch ermöglichte Selbstversorgung leistet einen wichtigen Beitrag zur Linderung der Nahrungsmittelknappheit und zur Verbesserung der Lebensqualität. Gleichzeitig sehen wir es auch als Chance, eine nachhaltige Entwicklung der ukrainischen Wirtschaft und Gesellschaft zu fördern.

Die Ukrainer:innen sind Ihnen, liebe Spenderinnen und Spender, für diese Unterstützung sehr verbunden. Auch als Green Cross Switzerland bedanken wir uns herzlich dafür. Aus Ihrem Beitrag erwächst den Menschen in der Ukraine Hoffnung auf eine Zukunft.

08.03.2024

Internationaler Frauentag – Green Cross engagiert sich aktiv!

Internationaler Frauentag – Green Cross engagiert sich aktiv!

Heute, am 8. März, jährt sich wieder der internationale Frauentag. Ins Leben gerufen wurde der internationale Frauentag 1908 in den USA. Die Frauenorganisation der Sozialistischen Partei Amerikas (Socialist Party of America, SPA) schuf diesen Tag, um Demonstrationen für das Frauenwahlrecht zu veranstalten. Der erste Frauentag wurde 1911 durchgeführt, in den folgenden Jahren verbreitete sich die Idee des Frauentages auch in Europa.

Unter dem Motto «Für Brot und Frieden» infolge des Ersten Weltkrieges haben russische Frauen 1917 die Bekanntheit des internationalen Frauentags weiter gefördert. Der Streik unter dieser Parole galt als Auftakt der russischen «Februarrevolution», wobei die Demonstration nach gregorianischem Kalender am 8. März 1917 stattfand.

Im Rahmen des «Internationalen Frauenjahrs» von 1975 wurde der 8. März von der UNO zum «International Women’s Day» erklärt. Trotz der Institutionalisierung und Internationalisierung des Frauentages muss man die gesellschafts-, wirtschafts-, sozial- oder kulturpolitische Situation für Frauen in verschiedenen Staaten weiterhin als ungenügend oder schlecht bezeichnen.  So sind Mädchen und Frauen häufiger von Hunger, Armut oder mangelnder Gesundheitsversorgung betroffen. Zudem verdienen Frauen grundsätzlich weniger für gleiche Arbeit und haben schlechtere Bildungschancen.

Green Cross Switzerland möchte diesen Tag als Anlass nehmen, den Frauen weltweit und den bei unserer Stiftung angestellten Mitarbeiterinnen für ihren Einsatz für die Gesellschaft zu danken. Gleichzeitig möchten wir darauf aufmerksam machen, dass weiterhin viel Engagement nötig ist, sowohl für die Emanzipation von Frauen und Mädchen als auch für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen.

Es ist uns ein Anliegen, aktiv zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen beizutragen. Dies wurde bereits in der bisherigen Projektarbeit unter Beweis gestellt. Die Familien-Clubs in der Region rund um Tschernobyl legen einen Schwerpunkt auf die Förderung von Mädchen und Frauen. In diesen Clubs werden Frauen und Mädchen in Ernährungs-, Erziehungs- oder Gesundheitsfragen geschult. Zudem wird ihre Erwerbstätigkeit gefördert und sie werden dazu motiviert und befähigt, unternehmerisch tätig zu sein. Wichtig ist auch, dass die Clubs als Plattform für ein gegenseitiges Kennenlernen dienen.

Die Aktivitäten der Familien-Clubs mussten in der Ukraine leider aufgrund des Krieges pausiert werden. In Belarus werden sie jedoch weiterhin durchgeführt. An dieser Stelle möchten wir allen Helferinnen und Unterstützerinnen herzlich für ihren Einsatz danken.

In Vietnam leisten Gesundheitsexpertinnen, Projektleiterinnen und freiwillige Helferinnen einen wichtigen Beitrag zur Betreuung und Pflege von Agent Orange-Opfern sowie zur Weiterentwicklung der Angebote. Ohne ihren Einsatz wären die guten Ergebnisse unsere Projektarbeit in Vietnam nicht möglich gewesen. Herzlichen Dank!

Weiterführende Informationen zum internationalen Weltfrauentag finden Sie hier und hier.

24.02.2024

Psychologische Hilfe für Betroffene des Ukraine-Kriegs

Psychologische Hilfe für Betroffene des Ukraine-Kriegs

Der russische Angriff auf die Ukraine jährt sich heute zum zweiten Mal. Durch den Krieg wurden viele Menschen zur Flucht gezwungen, viele konnten sich die Ausreise jedoch finanziell nicht leisten. Zahlreiche Familien blieben auch deshalb zuhause und leben im Kriegsalltag. Immer wieder sind die Menschen physischen Angriffen ausgeliefert: öffentliche Infrastruktur und Privatwohnungen werden beschädigt oder die Menschen sind direkt von Attacken betroffen.

Kinder und Jugendliche leiden besonders unter der Situation und werden in ihrer Entwicklung eingeschränkt bzw. behindert. Neben körperlichen Verletzungen sind auch die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche verheerend, wie etwa Traumata oder emotionaler Stress. Traumatische Erlebnisse sorgen für ein verstärktes Auftreten von psychischen Störungen wie Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung). Die interdisziplinär ausgerichtete Psychotraumatologie hat für Betroffene verschiedene Therapien entwickelt, die auch in der Ukraine zur Anwendung kommen.

Green Cross Switzerland möchte 2024 das Angebot an psychologischer Hilfe für Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, in der Ukraine weiter fördern und ausbauen. Deshalb wurde im Februar ein erster Pilotversuch durchgeführt. Eine Fachpsychologin brachte in einer kleinen Runde Kindern Atemübungen bei, um emotionalem Stress entgegenzuwirken bzw. ihre psychische Widerstandsfähigkeit für die Zukunft zu stärken. Die Durchführung weiterer Sitzungen und der Ausbau dieser Möglichkeiten sind im Gang. Es steht fest, dass diese Angebote dringend notwendig sind. Wie schon beim Pilotversucht sollen die Therapiesitzungen nicht nur auf akute Probleme eingehen, sondern auch präventiv wirken.

Green Cross Switzerland ist optimistisch, dass sich diese Therapieangebote etablieren und die lokalen psychologischen Angebote ergänzen und festigen können. Gleichzeitig wird die psychische Widerstandskraft der ukrainischen Bevölkerung gestärkt und gefördert.

08.02.2024

Lebensmittelverteilungen im Rahmen des Tet Fests

Lebensmittelverteilungen im Rahmen des Tet Fests

Das Tết Nguyên Đán (dt. «Fest des Ersten Morgens») auch Tet Fest genannt, ist der wichtigste vietnamesische Feiertag und findet dieses Jahr am 10. Februar statt. Das farbenfrohe Fest wird durch eine Vielzahl an Sitten und Bräuchen begleitet und die Vorbereitungen beginnen meist 1-2 Woche zuvor: die Menschen schmücken ihre Häuser, besuchen die Gräber ihrer Vorfahren oder kochen vietnamesische Spezialitäten. Am Tet Festival wird den Vorfahren gedacht und gleichzeitig bietet es für die Menschen das neue Mondjahr mit den Familienmitgliedern zu begrüssen.

Im Rahmen des Tet Fests hat das Charity Project Krong Buk Lebensmittelverteilungen an Opfer von Agent Orange und deren Familienmitglieder in der südvietnamesischen Stadt Ea Kly durchgeführt. Das von Peter Jenni und Tran Thi Hiep geführte Charity Project Krong Buk konnte 360 Familien mit Lebensmitteln versorgen, die von Green Cross Switzerland kofinanziert werden. Diese Kooperation besteht seit April 2023 und gewährleistet einen pragmatischen Einsatz der Hilfsgüter vor Ort.

Die Hilfsaktion hatte eine sehr positive Begleiterscheinung: Die zuständige Lieferantin der Lebensmittel hatte aus eigener Motivation zusätzliche Lebensmittelpakete an die Betroffenen ausgegeben.

Wir sind über die Hilfe der Lieferantin, sowie die Zusammenarbeit mit dem Charity Project Krong Buk sehr dankbar. In diesem Jahr sind neben den bestehenden orthopädischen und sozialen Angeboten für Opfer von Agent Orange im Rahmen des Socmed-Programms auch die Aufnahme und Durchführung von neuen Inhalten geplant. Green Cross Switzerland untersucht derzeit die Situation zur Etablierung von Mikrokrediten für angehende Start-Up-Unternehmen. Diese Planungsmöglichkeiten und Realisierung von Projekten sind ohne unsere Spenderinnen und Spender undenkbar. Für die fortwährende Unterstützung möchten wir uns bei Ihnen herzlich bedanken.

17.01.2024

Lebensmittelverteilungen in Cherson und Novgorod-Seversky

Lebensmittelverteilungen in Cherson und Novgorod-Seversky

Die notwendige und pragmatische Unterstützung der Menschen in der Ukraine ist seit der russischen Invasion im Februar 2022 ein Kernanliegen von Green Cross Switzerland. Während die Stiftung zuvor Projekte im Rahmen des SOCMED-Programms in der Tschernobyl-Region durchführte, wurden die Hilfsprojekte durch den Krieg auf die Bedürfnisse der Menschen im Staat angepasst.

Auch 2023 wurden deshalb verschiedene Lieferungen mit lebensnotwendigen Gütern und Wasseraufbereitungssystemen in betroffene Gebiete geschickt. Die Bereitstellung von Lebensmitteln war dementsprechend ein Aspekt dieser Lieferungen. Denn vor allem im Winter werden Nahrungsmittel in unterschiedlichen, besonders nahe der Frontlinie gelegenen Dörfern und Städten der Ukraine knapp.

Deshalb organisierte Green Cross Switzerland im Dezember 2023 und Januar 2024 unterschiedliche Lebensmittellieferungen in die südukrainische Stadt Cherson, sowie in die nordukrainische Stadt Novgorod-Seversky und deren Region. Die Lieferungen enthielten Zucker oder Mehl, aber auch Haferflocken, Tee und Teigwaren.

In der frontnahen Stadt Cherson konnten 300 Menschen Lebensmittel erhalten. Die Lieferung war herausfordernd, da die Stadt weiterhin unter Beschuss steht. Zudem sind die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Umso glücklicher waren die Menschen, inmitten von Explosionen und Schüssen freundliche Gesichter zu sehen und Zugang zu dringend benötigten Lebensmitteln zu bekommen.

In der Region um Novgorod-Seversky konnten insgesamt 800 Lebensmittelpakete in Zusammenarbeit mit der NGO Kniazhi Grad an Bewohner:innen vier grenznaher Dörfer gegeben werden. In diesem Gebiet stellt sich die Verteilung von lebensnotwendigen Gütern ebenfalls als schwierig dar. Während der weiteren Aushändigung von Lebensmittelpaketen in einem fünften Dorf wurden die freiwilligen Helfer:innen durch aktiven Beschuss gezwungen, die Arbeit zu unterbrechen und zu einem späteren Zeitpunkt mit der Arbeit fortzufahren. Glücklicherweise ist niemand zu Schaden gekommen, und es konnte – trotz den gefährlichen Umständen – den Menschen etwas Hoffnung für die Zukunft geschenkt werden.

Nachdem wir bereits im Herbst 2023 Matratzen an Gesundheitsinstitutionen und Obdachlosenheime geliefert haben, konnten wir im Winter desselben Jahres weitere 100 Kissen und 150 Matratzen zur Verfügung stellen. 50 Matratzen erhielten Menschen in der Stadt Cherson, weitere 100 Matratzen und Kissen wurden an ein Krankenhaus und ein Kinderheim in Nowgorod-Severski gegeben. Diese Initiative fördert das Wohlbefinden innerhalb schwieriger Lebensumstände.

Green Cross Switzerland möchte sich bei allen freiwilligen Helfer:innen und Akteur:innen bedanken, die sich für diese Lebensmittelverteilung eingesetzt und sie möglich gemacht haben. Auch in diesem Jahr 2024 sollen die Menschen der Ukraine von den Hilfeleistungen unserer Organisation profitieren können. Geplant ist z.B. die psychologische Unterstützung von Menschen, die durch den Krieg traumatische Erlebnisse gemacht haben.

11.01.2024

Weihnachts- und Neujahrsgeschenke für Kinder in der Ukraine

Weihnachts- und Neujahrsgeschenke für Kinder in der Ukraine

Während viele Kinder in der Schweiz sich auf Weihnachten und somit auch auf Geschenke freuen konnten, ist die Situation für zahlreiche Jugendliche und Kinder in der Ukraine leider nicht dieselbe. Der Krieg ist allgegenwärtig und jüngere Menschen leiden besonders an den Auswirkungen der kriegerischen Handlungen. Vielfach ist es auch für die Betroffenen schwierig die aussergewöhnliche Situation nachvollziehen bzw. einordnen zu können.

Der Einsatz für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ist für Green Cross Switzerland bereits lange ein Anliegen. Das Engagement für junge Menschen während des Krieges wurde relevanter denn je. 

Damit auch während des Krieges ein Stück Normalität und einen Moment des sorglosen Alltags herrschen kann, offerierte Green Cross Switzerland deshalb zwischen den Weihnachts- und Neujahrstagen bis Januar 2024 600 Geschenke an Kinder und Jugendliche in verschiedenen Schulen und Kindergärten innerhalb der Ukraine. Jedes dieser Geschenke enthielt ein Spielzeug sowie verschiedene Süssigkeiten. Die Geschenke sollen Halt und Sicherheit erwirken aber auch erinnern, dass es Perspektiven für eine hoffnungsvolle Zukunft gibt.

Auch im Jahr 2024 wird unsere Stiftung die Arbeit in der Ukraine fortsetzen, wobei verschiedene weitere Schwerpunkte gesetzt werden. Die Unterstützung der Kinder und Jugendlichen wird ein wichtiger Aspekt der humanitären Hilfe sein, damit wir auch in diesem Jahr den Alltag weiterer jungen Menschen in der Ukraine etwas aufhellen können. Angesetzt sind u.a. Angebote zur psychologischen Unterstützung und Bewältigung der Kriegsereignisse.

13.12.2023

Solarenergie in der Ukraine

Solarenergie in der Ukraine

Solarenergie ist in der Ukraine kein neues Thema, sondern hat in den letzten Jahren im Staat immer mehr an Bedeutung gewonnen. Dies geht aus einem gemeinsamen, 2021 veröffentlichten Statusbericht von der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen (UNECE) und dem Renewable Energy Policy Network for the 21st Century (REN21) hervor. In der Studie wurde die erneuerbare Energie in 17 Staaten in Osteuropa, dem Kaukasus, Zentralasien und Südosteuropa zwischen 2017 und 2021 untersucht. Es wird festgehalten, dass die Kapazität erneuerbarer Energie in der Region wesentlich gestiegen (um 21 Gigawatt = 1 Milliarde Watt, auf 106 GW) ist, wobei die Photovoltaik mit 58% der grösste Zubau ausmachte. Die Autor:innen stellen fest, dass in der Ukraine die erneuerbare Energie besonders stark zulegen konnte.

Ukraine auf gutem Weg, Ausbaumöglichkeiten sind aber vorhanden

Der Zuwachs an Wind- und Solarenergie war aus den 17 Staaten (u.a. Ukraine, Russland und Kasachstan) in der Ukraine mit mehr als 8 GW am höchsten. Das Land lag mit umgerechnet 3.4 Milliarden US-Dollar weltweit auf dem 17. Platz in Bezug auf die Investitionen in erneuerbare Energie. Die Solarenergie wird dabei im Inland auf Freiflächen und auch in privaten Haushalten gefördert. Die öffentlichen und privaten Investitionen sind in der Region aber eher bescheiden. Während z.B. in der EU die Investitionen in die Ökoenergie 2018 bei mehr als 55 Milliarden US-Dollar lagen, betrugen die eingesetzten Gelder in die erneuerbare Energie in der untersuchten Region im gleichen Jahr ca. 7.2 Milliarden US-Dollar. Auch ist die Ukraine nach dem UNECE weiterhin stark von fossilen Brennstoffen abhängig, die im Jahr 2020 70% der Primärenergieversorgung ausmachten.

Russische Invasion in die Ukraine und Beschädigung der Infrastruktur

Durch die Invasion der russischen Armee in die Ukraine wurde zudem die Erzeugung erneuerbarer Energie stark eingeschränkt. Laut dem Bericht waren im Juni 2022 90% der bisherigen Windenergiekapazität sowie 30% der Solar-Leistung nicht mehr im Betrieb.

Die gezielte Zerstörung der Infrastruktur traf somit nicht nur die ukrainische Energiebranche, sondern vor allem auch Gesundheits- und Bildungseinrichtungen. Bis zum Oktober 2023 wurden mehr als 4000 Bildungsstätten und Gesundheitsinstitutionen beschädigt, mehr als 150‘000 Wohngebäude zerstört. Dass demnach auch die Stromversorgung stark gefährdet ist, liegt auf der Hand.

Die Wiederherstellung der Stromversorgung durch Photovoltaik bietet sich deshalb auch als Chance für das Land an. Der Krieg erlaubt derzeit aber keine weiteren Entwicklungen der Solarindustrie in der Ukraine, sondern muss sich hauptsächlich auf das Überleben konzentrieren. Die Unterstützung der Ukraine in der Aufrechterhaltung der Solarenergie wird bereits vorangetrieben. So hat z.B. der Bundesverband Solarwirtschaft e.V. (BSW) unter der Spendenaktion „Solar hilft“ eine Photovoltaikanlage auf dem Dach einer Schule in Irpin unterstützt. Zudem hat das BSW zusammen mit SolarPower Europe und der Ukrainian Solar Energy Association (ASEU) das Ziel mit weiteren Spendenaktionen, den durch den Krieg immer wieder auftretenden Stromunterbrüche in Schulen und Krankenhäusern mit Solarenergie entgegenzuwirken.

Potenzielles Szenario der erneuerbaren Energieversorgung bis 2050

Das UNECE schätzt das Potenzial der Bioenergie, Wasser-, Sonnen- und Windenergie in der Ukraine als besonders hoch ein und diese könnten in Zukunft die Bausteine des Energiesystems der Ukraine sein und bis 2050 ca. 80% zur gesamten Energieerzeugung beitragen. Es bleibt vor allem auch nach einer zukünftigen Beendigung des Krieges die Herausforderung grössere Investitionen und Strategien zielgerecht umzusetzen.  Es steht aber fest, dass zusammen mit der Kernenergie, die erneuerbaren Energien die Ukraine in eine kohlenstoffneutrale Zukunft führen können.

Green Cross Switzerlands Einsatz für erneuerbare Energien

Ein nachhaltiger, auf wissenschaftlicher Erkenntnis beruhender Umgang mit unserem Planeten ist für Green Cross Switzerland seit der Gründung wichtig und hat in den letzten Jahren weiter an Bedeutung gewonnen. Deshalb planen wir im nächsten Jahr, 2024, gezielt die erneuerbare Energieversorgung in der Ukraine zu fördern und zu unterstützen. Ziel ist die Unterstützung der Bevölkerung mit erneuerbaren Energien in Gebieten, die unmittelbar vom Krieg betroffen sind und andererseits die nahe der Tschernobyl-Nuklearkatastrophe gelegene Region.

 

 

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