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19.06.2026

Solarenergie für über 4000 Kriegsbetroffene

Solarenergie für über 4000 Kriegsbetroffene

Für viele Menschen in der Ukraine ist die instabile Stromversorgung zu einer der grössten Belastungen geworden. Die massiven kriegsbedingten Stromausfälle haben das Land im vergangenen Winter buchstäblich erzittern lassen. Auch in der warmen Jahreszeit überschattet die unzuverlässige Energieversorgung den Alltag.

Häufig sind Menschen gezwungen, Schutzräume aufzusuchen. Fällt dort zusätzlich der Strom aus, verschärft sich die Situation drastisch. Am stärksten betroffen sind die Verletzlichsten: Kinder, ältere Menschen, Kranke und Menschen mit Behinderungen.

Besonders kritisch ist die Lage in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern. Seit dem Frühjahr 2025 erhält unsere Partnerorganisation Green Crystal zahlreiche Hilfsanfragen aus der strukturschwachen Region Tschernihiw. Für die Bevölkerung zentral wichtige Einrichtungen berichten von Stromausfällen von bis zu 19 Stunden täglich. Häufig fehlen Notstromlösungen vollständig oder reichen bei weitem nicht aus.

 

Bereits sieben Solaranlagen erfolgreich installiert

Um möglichst vielen Menschen beim Überbrücken der Stromausfälle zu helfen, installiert Green Cross Switzerland (GCCH) Solaranlagen mit Batteriespeichern in öffentlichen Einrichtungen.

Bislang haben GCCH und Green Crystal Ukraine sieben Solaranlagen erfolgreich installiert.

Insgesamt profitieren rund 4’000 Menschen direkt von den Massnahmen – darunter über 3’000 Kinder und Jugendliche.

Ein Beispiel ist das Lyzeum Sosnyzja. Die Schule wurde mit einer 50-kW-Hybrid-Solaranlage ausgestattet und versorgt heute rund 540 Schülerinnen und Schüler sowie 56 Mitarbeitende zuverlässig mit Energie. Das System zeigt deutlich, warum Batteriespeicher in der Ukraine ebenso wichtig sind wie Solarpanels. Sie gleichen saisonale Schwankungen aus und sichern eine verlässliche Energieversorgung auch dann, wenn die Sonne wenig hergibt. Im September erzeugte die Anlage bei starker Sonneneinstrahlung 3,89 MWh und deckte damit 57 % des Gesamtverbrauchs. In den Wintermonaten, in denen die Solarproduktion deutlich zurückgeht, übernimmt das Batteriesystem die Versorgung – im Dezember zu 42 % und im Februar zu 55 % – und stellt so sicher, dass der essenzielle Betrieb ohne Unterbruch weitergeführt werden kann.

„Für mich als Lehrerin und Mutter ist es von grosser Bedeutung, dass Kinder unter sicheren und stabilen Bedingungen lernen können. Dank der Solaranlage kann der Unterricht am Lyzeum auch während Stromausfällen ohne Unterbruch weitergeführt werden. Das gibt Eltern Sicherheit und schafft neue Perspektiven für die Kinder.“
Nataliia Koshova, Englischlehrerin und Mutter eines Schülers

 

Ein Projekt mit breiter regionaler Wirkung

Die Wirkung der Projekte geht weit über den regulären Betrieb der Einrichtungen hinaus.

Mehrere Einrichtungen haben sich während Stromausfällen zu wichtigen Anlaufstellen für ihre Gemeinden entwickelt. Menschen finden dort Schutz, können Mobiltelefone laden, sich aufwärmen oder grundlegende Versorgung erhalten.

Auch die Wasserversorgung wurde durch das Projekt entscheidend gestärkt. Dank Solarenergie für Wasserpumpstationen bleibt in den Dörfern Syadryne und Savynky die Versorgung mit Trinkwasser selbst bei längeren Stromunterbrüchen gesichert.

 

Nothilfe und nachhaltige Entwicklung zugleich

Das Solarprojekt von GCCH in der Ukraine verbindet akute humanitäre Hilfe mit langfristiger Entwicklungszusammenarbeit.

Es reagiert nicht nur auf die unmittelbaren Folgen des Krieges, sondern stärkt zugleich nachhaltig die lokalen Strukturen. Im Zentrum steht dabei der Grundsatz der «Hilfe zur Selbsthilfe», an dem sich GCCH konsequent orientiert.

Um die langfristige Wirkung sicherzustellen, werden die Installationen unter anderem durch folgende Nachhaltigkeitsmassnahmen ergänzt:

  • Nachhaltigkeitsfonds für Gemeinden
    Ein Teil der eingesparten Energiekosten fliesst in einen lokalen Nachhaltigkeitsfonds gemäss dem «Municipal Energy Reinvestment Model» (MERM). Die finanziellen Einsparungen verbleiben vollständig innerhalb der Gemeinden und werden über kommunale Budgetprozesse in zukünftige Energie- und Nachhaltigkeitsprojekte reinvestiert.
  • Bildung und Zukunftsperspektiven stärken
    Die beteiligten Einrichtungen werden dabei unterstützt, als «Sustainability Ambassadors» in ihrer Region zu wirken. Informationsveranstaltungen sensibilisieren die Bevölkerung für erneuerbare Energien, Nachhaltigkeit und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen.

Insbesondere Schülerinnen und Schüler erhalten praxisnahe Einblicke in moderne Berufsfelder im Bereich Energie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung. Fachpersonen vermitteln Wissen über Zukunftsberufe und schaffen neue Perspektiven für junge Menschen in einer vom Krieg und den Nachwirkungen der Tschernobylkatastrophe geprägten Region.

 

Energie, die Hoffnung schafft

Jede installierte Solaranlage bedeutet mehr als technische Infrastruktur.
Sie bedeutet Licht in Zeiten der Dunkelheit, Wärme in kalten Momenten und Sicherheit inmitten von Unsicherheit.

Da weiterhin zahlreiche Einrichtungen dringend auf stabile Energieversorgung angewiesen sind, baut GCCH das Projekt gemeinsam mit der Unterstützung unserer Spenderinnen und Spender kontinuierlich aus.

 

Übersicht: bisher installierte Solaranlagen & Batteriespeicher in der Region Tschernihiw

Oleksandr Dovzhenko Lyzeum in Sosnyzja
Leistung Anlage: 50 kW
Kapazität Batteriespeicher: 100 kWh
Installation: Juni 2025
Anzahl Personen: Rund 540 Schüler:innen & 75 Mitarbeitende

Kindergarten «Lisova Kazka» («Waldmärchen-Kindergarten») in Tschernihiw
Leistung Anlage: 50 kW
Kapazität Batteriespeicher: 100 kWh
Installation: November 2025
Anzahl Personen: Rund 250 Kindergärtner:innen & 67 Mitarbeitende

Wasserwerk für die Dörfer Sjadrine und Savynky
Leistung Anlage: 30 kW
Kapazität Batteriespeicher: 100 kWh
Installation: Januar/April 2026
Anzahl Personen: Rund 1000 Einwohner:innen

Lyzeum & Kindergarten «Sonechko» in Sedniv
Leistung Anlage: 50 kW
Kapazität Batteriespeicher: 100 kWh
Installation: Januar/April 2026
Anzahl Personen: Rund 140 Schüler:innen, 18 Kindergärtner:innen, 54 Mitarbeitende

Gymnasium Nr. 3 in Tschernihiw
Leistung Anlage: 50 kW
Kapazität Batteriespeicher: 100 kWh
Installation: Januar/April 2026
Anzahl Personen: Rund 1800 Schüler:innen & 134 Lehrkräfte

Kindergarten Nr. 4 «Verselka» in Korjukiwka
Leistung Anlage: 50 kW
Kapazität Batteriespeicher: 50 kWh
Installation: Januar/März 2026
Anzahl Personen: Rund 200 Kindergärtner:innen & 57 Lehrkräfte

Bildungs- und Rehabilitationszentrum in Sosnyzja*
Gesamtleistung Solarpanels: rund 32,5 kW
Gesamtkapazität Batteriespeicher: rund 30 kWh
Installation: April 2025
Anzahl Personen: Rund 90 Kinder mit Behinderungen & 63 Mitarbeitende

* An diesem Standort wurden im Rahmen eines Pilotprojekts 13 unabhängige Solarkits installiert. Jedes Solarkit besteht aus einem Solarpanel, einem Wechselrichter und einem Batteriespeicher. Die Kits sind nicht miteinander verbunden und funktionieren unabhängig voneinander.

21.04.2026

40 Jahre Tschernobyl

40 Jahre Tschernobyl

Alte Narben, neue Wunden: 40 Jahre nach der Tschernobylkatastrophe vom 26. April 1986 hält Green Cross Switzerland inne und reflektiert diesen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, blickt aber auch in die Zukunft der am stärksten betroffenen Gebiete.

 

Der Blick zurück

Viele ziehen heute aus guten Gründen in Zweifel, dass die Menschheit kollektiv aus der Geschichte lernt. Wir von Green Cross Switzerland halten hingegen an dieser Ambition fest, denn sie ist die Basis für das Handeln unserer Stiftung seit über 30 Jahren.

Welche Lehren können wir heute aus dem verheerendsten Unfall in der Geschichte der Atomkraft ziehen?

Um einen vermeintlich grossen Nutzen zu erzielen, neigt der Mensch dazu, vorhersehbare und grosse Risiken einzugehen, die dann leider oft in – menschengemachte – Katastrophen münden. Die Gewissheit, potenziell hochgefährliche Technologien zu 100 % kontrollieren zu können, stellte sich im Falle der Atomenergie als trügerisch heraus.

Der Unfall im Kernkraftwerk (KKW) Tschernobyl zeigte in dramatischer Weise, wie verhängnisvoll es sein kann, technische Risiken zu unterschätzen, Warnzeichen zu ignorieren und Sicherheit politischen oder wirtschaftlichen Zielen unterzuordnen. So waren schon viele Jahre vor der Katastrophe dem sowjetischen Geheim- und Sicherheitsdienst KGB zahlreiche Risiken und Mängel bekannt. Dennoch wurden die hochbrisanten Erkenntnisse geheim gehalten und es geschah kaum etwas.

Im Gegenteil: Zeitzeuge Nikolai Isaev erinnert sich an die Phase trügerischer Sicherheit und trügerischen Glücks. Er arbeitete damals in der chemischen Abteilung des KKW und lebte mit seiner Familie in der nahegelegenen Stadt Pripyat. Direkt nach dem Unfall war er noch über fünf Jahre an den Liquidationsarbeiten beteiligt. Heute, geflüchtet vor dem Krieg in der Ukraine, lebt er in Genf. Seine Wahrnehmung des Lebens in der Region vor dem 26. April 1986 beschreibt er wie folgt: «Kurz gesagt: Das Leben war schön, und nichts liess etwas Schlimmes erahnen – schon gar nicht die Katastrophe von Tschernobyl.»

Die in Tschernobyl eingesetzten RBMK-Reaktoren galten als leistungsfähig und relativ kostengünstig im Bau, brachten jedoch erhebliche Sicherheitsrisiken mit sich.

Zwar wurde die Sicherheit nach dem Super-GAU von Tschernobyl verbessert. Dennoch ist es bemerkenswert, dass sieben der gesamthaft 17 in Betrieb genommenen RBMK-Reaktoren auch heute noch in Betrieb sind. Die sowjetische Regierung ging trotz des (bekannten) Ausmasses der Katastrophe mit den Blöcken 1-3 wieder ans Netz. Und auch nach dem Ende der Sowjetunion blieb Tschernobyl in Betrieb. Erst im Dezember 2000 wurde der letzte Reaktor abgeschaltet!

Vor 40 Jahren, am 26. April 1986, kam es um 01:23 Uhr schliesslich zur Explosion und zum Super-GAU im Reaktorblock 4. Während eines Tests geriet der Reaktor in einen instabilen Zustand. Innerhalb weniger Sekunden stieg die Leistung unkontrolliert an und es kam zu Explosionen, die den Reaktorkern freilegten. Das darin enthaltene Graphit fing Feuer und brannte mehrere Tage – dabei wurden grosse Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt, die sich rasant ausbreiteten.

Nikolai Isaev berichtet, dass er im Maschinenhaus bereits kurz nach der Explosion Graphit aus dem Reaktor sah – ein deutliches Zeichen für das Ausmass der Zerstörung. Die Tragweite wurde zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht vollständig erkannt oder nicht offen kommuniziert.

Besonders stark betroffen war nicht nur die heutige Ukraine, sondern auch Belarus und Teile Russlands. Ein erheblicher Teil der radioaktiven Niederschläge ging aufgrund der Wetterlage über Belarus nieder – ein Umstand, der bis heute die Lebensrealität vieler Menschen dort prägt.

Nikolai Isaev erinnert sich an die ersten Stunden nach der Explosion: Während bereits Soldaten in Schutzanzügen durch die Strassen der Stadt Pripyat gingen und Messungen der Strahlung durchführten, sassen viele Bewohnerinnen und Bewohner noch draussen, Kinder spielten im Freien. Diese Gleichzeitigkeit von Normalität und unsichtbarer Gefahr wirkte völlig unwirklich.

Die ersten Todesopfer waren bereits in den Morgenstunden zu beklagen. Die Gesamtzahl der Menschen, die der Unfall das Leben kostete, ist bis heute umstritten geblieben. Gleiches gilt für die Zahl der durch Strahlung verursachten Erkrankungen.

Klarer ist: Hunderttausende verloren ihr Zuhause. Viele von ihnen gingen anfangs davon aus, nur für wenige Tage zu verreisen – kehrten aber nie wieder zurück. Insgesamt mussten rund 350’000 Menschen in den Jahren nach der Katastrophe umgesiedelt werden. Dazu gehörten auch die knapp 50’000 Einwohner:innen der zuvor aufstrebenden, 1970 gegründeten Stadt Pripyat. Das KKW war Hauptarbeitgeber für die Bewohner:innen. Heute ist Pripyat eine Geisterstadt, ein Mahnmal.

Die weiteren Folgen und Kosten waren vielfältig und wirken teilweise bis heute fort. Sie reichen von unmittelbaren, klar sichtbaren Schäden bis hin zu langfristigen und schwer messbaren Auswirkungen:

  • Todesopfer und akute Erkrankungen (insbesondere Strahlenkrankheit)
  • Stilllegung, Sicherung, Dekontamination, Bau des Sarkophags und Konstruktion einer zweifachen Schutzhülle, ständige aufwendige Überwachung über Generationen hinweg
  • Langfristige Gesundheitsfolgen wie bspw. Schilddrüsenkrebs, Gesundheits- und Sozialprogramme für die betroffene Bevölkerung
  • Psychische Belastungen, Traumata und Stigmatisierung
  • Dauerhafte Sozialleistungen für Betroffene (Liquidatoren, Evakuierte)
  • Langfristige und schwere Umweltschädigung, Verlust landwirtschaftlicher Produktion und lokaler Wirtschaftskraft, wirtschaftlich geschwächte oder strukturell abgehängte Regionen
  • Demografische Effekte (Abwanderung, sinkende Geburtenraten)
  • Politische und systemische Folgekosten (bspw. Vertrauensverlust)

Je nach Kalkulation werden die wirtschaftlichen bzw. finanziellen Schäden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl von 1986 bis heute (2026) auf rund 180 bis über 600 Milliarden Schweizer Franken geschätzt. Auch 40 Jahre später wachsen diese Kosten weiter.

Zu den laufenden Kosten gehören beispielsweise der Aufwand für die Sicherung der Anlage, der Rückbau, das Abfallmanagement, die Überwachung radioaktiv belasteter Gebiete sowie die gesundheitliche und soziale Unterstützung von Betroffenen der Spätfolgen. Bis heute wird die Anlage durchgehend von Personal im Schichtbetrieb überwacht und instandgehalten. Das wird noch lange nötig bleiben.

Aber auch heute leiden noch viele an den gesundheitlichen Folgen der Katastrophe, wie das Beispiel von Nikolai Isaev zeigt. Er wurde offiziell als Tschernobyl-Invalider anerkannt und leidet an vielen Krankheiten. Heute ist er noch in Behandlung wegen Herzproblemen (Angina pectoris und Ischämie), einer radioaktiven Verbrennung der Netzhaut und Typ-2-Diabetes. Zudem wurde ihm die Prostata entfernt und er leidet an Heuschnupfen. Seine Frau hat Brustkrebs und Schilddrüsenkrebs. Viele der damaligen Arbeitskollegen Isaevs und der damaligen Einwohner:innen Pripyats haben ähnliche oder die gleichen Erkrankungen.

Im Kontext all dieser schwerwiegenden Folgen wurde 1993/94 Green Cross Switzerland gegründet und unser SOCMED-Programm („Social and Medical Care and Education“) ins Leben gerufen. Aufgrund der Zusammenarbeit mit dem Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow konzentrierte sich unsere Stiftung anfänglich auf Projekte in der ehemaligen Sowjetunion und insbesondere auf die Katastrophe von Tschernobyl. Etabliert wurde das SOCMED-Programm 1995 in Belarus, 1998 in Russland und 2000 in der Ukraine. Im Kontext der Tschernobylkatastrophe setzt sich das Programm zum Ziel, eine dauerhafte Verbesserung der Lebensumstände von besonders betroffenen Menschen, insbesondere Kindern und Jugendlichen, zu erreichen.

Ein Herzstück des SOCMED-Programms bildeten die Therapiecamps. Sie setzten auf eine Kombination von körpermedizinischen, psychologischen und sozialen Unterstützungsleistungen. In den Therapiecamps wurden vor allem Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen durch Ärzt:innen, Therapeut:innen, Lehrer:innen und Pädagog:innen betreut und unterrichtet. Neben der Untersuchung der Kinder und Jugendlichen durch das medizinische Personal und der Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln wurden auch soziale Aktivitäten organisiert, um die Kreativität, ökologisches Bewusstsein und ein Gemeinschaftsgefühl zu fördern.

 

Der Blick nach vorne

Heute stehen für die Bevölkerung der betroffenen Gebiete insbesondere noch die wirtschaftlichen, psychischen und sozialen Auswirkungen der Katastrophe im Mittelpunkt. Zudem wird das Leben der Menschen in der Ukraine, gerade auch in den am stärksten noch von Tschernobyl betroffenen Gebieten, vom andauernden Krieg überschattet.

Die internationale Gemeinschaft verfolgt die Situation bis heute mit grosser Aufmerksamkeit. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) ist seit Beginn des Ukrainekriegs dauerhaft vor Ort präsent, um die Sicherheit nuklearer Anlagen zu überwachen und auf Risiken hinzuweisen.

Der Ukrainekrieg zeigt deutlich auf, dass die Risiken der Atomenergie nicht nur technischer Natur sind. In bewaffneten Konflikten werden nukleare Anlagen selbst zu potenziellen Gefahrenquellen – sei es durch direkten Beschuss oder durch Stromausfälle, die die Kühlung der Reaktoren gefährden können.

Seit Kriegsausbruch hat die IAEA zahlreiche sicherheitsrelevante Zwischenfälle an ukrainischen Nuklearanlagen registriert. Im Februar 2025 riss eine Kampfdrohne ein Loch in die Hülle des Sarkophags von Tschernobyl. Zum Glück hatte dies keine Auswirkung auf die Strahlenwerte, aber die IAEA warnte, dass eine zeitnahe, umfassende Reparatur nötig sei. Derzeit können zwei Hauptaufgaben – der Einschluss radioaktiver Stoffe und die sichere Vorbereitung des Rückbaus instabiler Strukturen – nur unvollständig erfüllt werden.

40 Jahre nach der Tschernobylkatastrophe bleiben aufgrund der Radioaktivität noch immer grosse Flächen unbewohnbar. Viele Gemeinden sind bis heute mit wirtschaftlicher Schwäche und eingeschränkten Zukunftsperspektiven konfrontiert. Gerade für jüngere Generationen bedeutet dies oft fehlende Chancen und Abwanderung.

Mit unserem Solarprogramm leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Linderung der Belastung durch das Kriegsgeschehen, aber auch für die Zukunft der dort lebenden Bevölkerung, insbesondere der jungen und künftigen Generationen.

Warum ist gerade der Ausbau der Solarenergie eine prioritäre Massnahme? Für viele Menschen ist die Stromversorgung zur grössten Sorge geworden.

Die vielen kriegsbedingten Stromausfälle haben die Ukraine im kalten Winter buchstäblich erzittern lassen. Doch auch jetzt bleibt die Stromversorgung einer der grössten Unsicherheitsfaktoren im Alltag. Oft sind die Menschen zum Aufenthalt in Schutzräumen gezwungen. Fällt dort zusätzlich der Strom aus, verschärft sich die Situation. Das gilt besonders für die Verletzlichsten: Kinder, betagte Personen, Kranke, Menschen mit Behinderungen.

„Manche Kinder bekommen sofort Angst. Sie haben Explosionen erlebt. Dunkelheit bedeutet für sie Gefahr“, sagt Switlana Ludanyk, die Leiterin eines Kindergartens in Horodnja.

Um möglichst vielen Menschen bei der Überbrückung der Stromausfälle zu helfen, installieren wir Solaranlagen in öffentlichen Einrichtungen wie unter anderem Schulen, Kindergärten oder Krankenhäusern. In Kombination mit Batteriespeichern schaffen sie eine verlässliche Stromversorgung für die dringendsten Bedürfnisse. Gerade in Krisensituationen kann dies entscheidend sein – etwa für die medizinische Versorgung, den Betrieb von Schutzräumen oder den Alltag von Familien.

Damit das Solarprogramm eine möglichst grosse Wirkung entfalten kann, setzen wir auf folgende ergänzende Massnahmen:

  • Kreislauffinanzierung durch gemeinnützige Solarfonds: Ein Teil der Einsparungen aus dem produzierten Solarstrom fliesst in gemeinnützige Fonds. Mit diesen Mitteln sollen in Zukunft weitere öffentliche Einrichtungen mit Solaranlagen ausgestattet werden.
  • Sensibilisierung und Wissensvermittlung: Einrichtungen, die mit Solaranlagen ausgestattet werden, führen Informationsveranstaltungen durch. Dadurch sollen möglichst viele Menschen und Unternehmen über die Vorteile der Solarenergie informiert werden.

Neben der Stromversorgung bleibt auch die psychische Belastung ein zentrales Thema. Ein wichtiger Schwerpunkt unseres Engagements ist daher das psychologische Unterstützungsprogramm mit inzwischen rund 2000 Teilnehmenden, grossmehrheitlich Kindern und Jugendlichen, das wir kontinuierlich ausbauen.

Tschernobyl ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern prägt unsere Gegenwart. Gerade deshalb bleibt es entscheidend, nicht nur zurückzublicken, sondern konkrete Antworten für die Gegenwart zu geben. Für Green Cross Switzerland bedeutet das, dort zu handeln, wo die Folgen bis heute spürbar sind, und Perspektiven für die Zukunft zu schaffen.

In unserer heutigen Welt, die von Krisen, Kriegen und grossen Risiken geprägt ist, ist es wichtiger denn je, aus Tschernobyl zu lernen und entsprechend zu handeln.

 

Quellen & weiterführende Informationen:

Grundlagen und wissenschaftliche Einordnung

https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11896848/

https://www.unscear.org/unscear/en/areas-of-work/chernobyl.html

https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/radiation-the-chernobyl-accident

https://world-nuclear.org/information-library/appendices/rbmk-reactors

https://preparecenter.org/wp-content/uploads/2021/04/WHO-Health-Effects-Report_9241594179_eng.pdf

https://www.who.int/publications/m/item/chernobyl-s-legacy-health-environmental-and-socio-economic-impacts-and-recommendations-to-thegovernments-of-belarus-the-russian-federation-and-ukraine

Kosten der Katastrophe

Die folgenden Quellen zeigen unterschiedliche methodische Ansätze zur Schätzung der wirtschaftlichen Kosten, weshalb die Angaben variieren:

https://www.un.org/fr/desa/statement-round-table-discussion-identifying-and-mitigating-long-term

https://globalhealth.usc.edu/2016/05/24/the-financial-costs-of-the-chernobyl-nuclear-power-plant-disaster-a-review-of-the-literature/

https://www.greenfacts.org/en/chernobyl/l-3/5-social-economic-impacts.htm

https://www.nationalgeographic.com/culture/article/chernobyl-disaster

Aktuelle Entwicklungen

https://www.iaea.org/sites/default/files/documents/gov2026-7.pdf

https://www.srf.ch/news/international/ukraine/nukleare-sicherheit-atombehoerde-tschernobyl-schutzhuelle-braucht-dringend-sanierung

05.03.2026

Neue Perspektiven für Vietnam

Neue Perspektiven für Vietnam

In Vietnam ist das „Fest des Ersten Morgens“ einer der wichtigsten Feiertage des Jahres. Das mehrtägige Neujahrsfest nach dem Mondkalender heisst auf Vietnamesisch Tết Nguyên Đá oder kurz Tet (vereinfachte Schreibweise). Das Tet-Fest steht ganz im Zeichen von Familie, Dankbarkeit und Hoffnung. Mit dem Ende der Feierlichkeiten beginnt auch für die Projekte von Green Cross Switzerland ein neues Kapitel: dank der Unterstützung unserer Spenderinnen und Spender können wir im Jahr 2026 unsere Hilfsprogramme weiter ausbauen.

Neu engagieren wir uns unter anderem für die sichere Trinkwasserversorgung von Haushalten, in denen Menschen mit Behinderungen leben. Dies tun wir in abgelegenen Ortschaften von Quang Trị, die diese Unterstützung dringend brauchen, z.B. in schwer zugänglichen Bergregionen.

Zudem weiten wir die Projektaktivitäten auf die Provinz Hue (Zentralvietnam) aus. Durch eine gezielte Kombination von Massnahmen, die voll auf Hilfe zur Selbsthilfe setzen, können wir nun auch dort das Leben von Menschen mit Behinderungen auf Dauer zum Positiven verändern. Wir unterstützen die orthopädische Versorgung, den Bau barrierefreier, hygienischer Sanitäranlagen und insbesondere auch die nachhaltige Förderung von Erwerbstätigkeit. Ziel ist es, lokal verankerte und nachhaltige Einkommensmöglichkeiten zu stärken, damit Haushalte von Menschen mit Behinderungen dauerhafte wirtschaftliche Selbstständigkeit erreichen können.

Ein zentraler Schwerpunkt bleibt die Versorgung von Menschen mit Behinderungen mit Prothesen (ersetzen fehlende Gliedmassen), Orthesen (unterstützen Gliedmassen) und weiteren orthopädischen Hilfsmitteln. Diese Unterstützung ist weiterhin dringend notwendig. Die Belastung durch die Spätfolgen des Vietnamkrieges ist nach wie vor stark spürbar. Noch immer geht Gefahr von Blindgängern und in der Umwelt verbliebenen Schadstoffen aus. Zentral ist hier das hochgiftige Dioxin, welches im Entlaubungsmittel Agent Orange enthalten ist. Agent Orange wurde 1965-70 durch die USA und Alliierte der USA eingesetzt

„Die Zeit des Tet-Fests steht für Hoffnung. Gemeinsam mit Green Cross Switzerland freuen wir uns darauf, inklusive und ökologisch verantwortungsvolle Gemeinschaften in Quang Trị und Hue aufzubauen“, sagt Nguyen Hoang Kha Tu, Projektmanager bei der Partnerorganisation ACDC.

Mehr zu den laufenden Projekten in Vietnam erfahren Sie hier.

Bildbeschreibung:

Frau Nguyen Thi Ha, eine Frau mit Behinderung aus Hue City, bereitet ihr traditionelles Kunsthandwerk für die lokale Frühlingsmesse vor. Ihre Teilnahme unterstreicht die Bedeutung der Existenzsicherung für Menschen mit Behinderungen und ihrer wirtschaftlichen Stärkung.

 

05.12.2025

Solarstrom für verletzliche Einrichtungen

Solarstrom für verletzliche Einrichtungen

Seit einigen Wochen erhält Green Cross Switzerland (GCCH) vermehrt Anfragen nach Unterstützung bei der Installation von Solaranlagen aus den frontnahen Regionen Sumy, Charkiw und Tschernihiw. Die Anfragen kommen von medizinischen Einrichtungen, Schulen und Kindergärten, die oft bis zu 19 Stunden ohne Strom auskommen müssen.

Wie die Unterstützung durch GCCH für solche Einrichtungen einen massiven Unterschied machen kann, möchten wir Ihnen am Beispiel des Kindergartens «Lisova Kazka» («Waldmärchen-Kindergarten») in Tschernihiw aufzeigen.

Im Verlauf des Ukrainekrieges hat die Frage der unabhängigen Stromversorgung eine zentrale Bedeutung angenommen. Häufige Stromausfälle stellen gerade für Kindergärten wie «Lisova Kazka» eine besondere Herausforderung dar, da die Kinder besonders anfällig sind für die Schrecken des Krieges und deshalb noch stärker als Erwachsene auf Wärme und Licht angewiesen sind. Es ist zentral, dass sie sich sicher fühlen können.

Deshalb haben wir im Kindergarten „Lisova Kazka“ eine Solaranlage mit einer Leistung von 50 kW installiert. Davon profitieren nun rund 250 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren sowie 30 Pädagog:innen und 37 weitere Mitarbeitende. Die Abhängigkeit vom zentralen Stromnetz ist jetzt stark reduziert. Solange das Stromnetz läuft, können die ebenfalls installierten Speicher sowohl mit Solarstrom als auch mit Netzstrom aufgeladen werden. Somit hat der Kindergarten gleich zwei Möglichkeiten, um Stromausfälle zu überbrücken.

Warum hat sich GCCH dazu entschlossen, gerade diesen Kindergarten zu unterstützen?

Die Stadt Tschernihiw steht unter ständigem Beschuss. Stromausfälle von bis zu 12 Stunden sind derzeit keine Seltenheit. Die gleichnamige Region ist zudem besonders arm und war schon vor dem Krieg von der Tschernobylkatastrophe gezeichnet. Sie bildet deshalb einen Schwerpunkt unserer Arbeit.

Hinzu kommt, dass sich der Kindergarten speziell um Kinder mit besonderen Bedürfnissen kümmert, die oft besonders sensibel auf die Schrecken des Krieges reagieren und in einer eigenen Gruppe betreut werden. Auch gibt es spezialisierte Gruppen für Kinder mit Sprachstörungen. Oft müssen die Kinder aufgrund von Luftalarmen über mehrere Stunden in Schutzräumen ausharren. Dank der erneuerbaren Energielösung müssen sie nun weniger Angst haben.

Während Kampfhandlungen wurde der Kindergarten beschädigt. Dank der Unterstützung durch die Bildungsbehörde und verschiedene Hilfsorganisationen, darunter auch GCCH, konnten umfangreiche Wiederaufbauarbeiten durchgeführt werden: Austausch der Fenster, Modernisierung der Heizungsanlage, Renovierung der Gruppenräume, Einrichtung von Schutzräumen und eines neuen Spielplatzes.

Die Installation der Solaranlage mit Stromspeicher war der nächste logische Schritt auf dem Weg zu Energieunabhängigkeit, verbesserter Sicherheit und nachhaltiger Entwicklung. Heute kann der Kindergarten ohne Unterbrechung arbeiten und den Kindern Wärme, Licht, ausgewogene Mahlzeiten und eine stabile Lernumgebung bieten – auch während Stromausfällen.

Für die Leiterin des Kindergartens, Nataliia Prymakova, bedeutet diese Lösung „die Gewissheit, dass wir selbst an den schwierigsten Tagen weiter für unsere Kinder da sein können. Sonnenenergie ist eine saubere Quelle des Lebens – sie schenkt unseren Kindern Licht, Sicherheit und Hoffnung.»

Darüber hinaus trägt das Projekt zur Förderung des Umweltbewusstseins in der Gemeinde bei und vermittelt den Kindern schon früh ein Verständnis für die Bedeutung erneuerbarer Energien.

Angesichts der stark gestiegenen Dringlichkeit möchten wir diesen Einsatz nun weiter ausbauen und weitere verletzliche Einrichtungen in frontnahen Regionen mit erneuerbaren Energielösungen ausstatten. Gerade in der Weihnachtszeit und inmitten dieses erneut sehr schweren Winters wird die Solidarität von Philanthropinnen und Philanthropen wie Ihnen zu einem wertvollen Lichtblick und zu einem echten Geschenk für die Menschen in der Ukraine.

27.11.2025

Wiederaufforstung in Korjukiwka

Wiederaufforstung in Korjukiwka

Die Region Tschernihiw ist eine der ärmsten der Ukraine. Das hängt u.a. mit den Spätfolgen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zusammen. Der andauernde Krieg belastet die Region noch zusätzlich (u.a. Raketeneinschläge, häufige Stromausfälle). Deshalb bildet die Region einen Schwerpunkt der Arbeit von Green Cross Switzerland (GGCH).

Vielen ist nicht bewusst, in welchem Ausmass der Krieg das Ökosystem und Klima belastet und vielfältige Schäden an der Umwelt anrichtet. Beispielsweise werden riesige Waldflächen stark beeinträchtigt oder vernichtet. Aufforstung kann einen wichtigen Beitrag zur Erholung der Natur leisten. Und ist nicht nur im Kontext des Krieges eine wichtige Massnahme. In der Ukraine war nämlich bereits vor dem Krieg ein im internationalen Vergleich (zu) kleiner Teil der Landesfläche bewaldet. So weist beispielsweise die Schweiz einen rund doppelt so grossen Waldflächenanteil auf.

Im Oktober 2025 hat GCCH im Bezirk Korjukiwka (Region Tschernihiw) deshalb ein gross angelegtes Wiederaufforstungsprojekt lanciert. Auf einer Fläche von 17 Hektar – das entspricht rund 24 Fussballfeldern – werden insgesamt 100’000 Baumsetzlinge gepflanzt, um geschädigte Waldflächen wiederherzustellen und das Ökosystem in der Region zu revitalisieren.

Die Anpflanzung findet in Kooperation mit der Gemeinde Korjukiwka statt und erfolgt im Rahmen einer längerfristigen Initiative: Ziel ist nicht nur die Schaffung neuer Waldflächen, sondern auch die Förderung weiterer umwelt- und sozialrelevanter Projekte, die zur nachhaltigen Entwicklung in der Region beitragen. Zugleich soll damit das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Umwelt gestärkt werden.

Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist diese Sensibilisierung von besonderer Bedeutung. Im Rahmen des Aufforstungsprojektes erhalten Kinder wiederverwendbare Wasserflaschen, Kappen, Anstecker, Notizblöcke und Stifte aus recycelten Materialien. Diese vermitteln Umweltbewusstsein und erinnern daran, dass selbst der kleinste Beitrag zur Wiederherstellung und Erholung der Natur von grossem Wert ist.

An der Aktion beteiligen sich auch Lehrpersonen, Freiwillige sowie Anwohnerinnen und Anwohner. «Es ist wunderbar zu sehen, wie aus kleinen Setzlingen eines Tages ein grosser Wald entstehen wird», sagt eine Lehrerin. Eine Anwohnerin teilt diesen zuversichtlichen Blick in die Zukunft: «Wir haben schwere Zeiten überstanden, aber wir sehen, wie sich die Natur zusammen mit uns erholt.»

Auch der Bürgermeister von Korjukiwka, Ratan Akhmedov, betont die Bedeutung des Projektes: «Für unsere Gemeinde ist das nicht nur eine ökologische Initiative, sondern auch ein Symbol für die Erneuerung des Lebens und den Glauben an die Zukunft.»

Quellen & Artikel zur Vertiefung:

13.10.2025

Phuongs Geschichte

Phuongs Geschichte

Ein beeindruckender Projektpartner

Heute möchten wir Ihnen die Geschichte eines Agent-Orange-Betroffenen vorstellen, der trotz widrigster Umstände sein Leben erfolgreich gemeistert hat.

Nguyen Ngoc Phuong wurde am 6. April 1981 im Dorf Chau Son 1, Gemeinde Que An, in der Nähe des Duong-La-Bergs, Provinz Quang Nam, geboren.  Er war noch keine sieben Monate alt, wog nur 800 Gramm und war unter 20 Zentimeter gross – das entspricht rund einem Viertel des Gewichts eines durchschnittlichen Neugeborenen und weniger als der Hälfte der durchschnittlichen Körpergrösse.

Phuong verbrachte seine Kindheit auf einem Hügel, umgeben von dichtem, düsterem Grün. Während andere Kinder zur Schule gingen, war er ständig krank. Er war bei seiner Geburt sehr klein und konnte nichts lernen. Manche Eltern warnten ihre Kinder davor, mit ihm zu spielen – mit dem Kind, das den ganzen Tag nur vier Wände anstarrte.

Damals kannte niemand die Ursache seiner Behinderung. Einige meinten, es handle sich um einen Fluch, der den Eltern das Schicksal ein behindertes Kind eingebracht habe, weil ihre Vorfahren in früheren Leben Schuld auf sich geladen hätten. Die Ausgrenzung durch die Gemeinschaft und die Hoffnungslosigkeit waren der ständige Begleiter der Familie.

1987 wurde Phuongs jüngere Schwester Nguyen Thi Hieu geboren – ebenfalls mit einer Behinderung. Die Familie lebte in grosser Armut. Die Eltern litten sehr, aber anders als andere Eltern, die ihre Kinder mit Behinderungen verstossen, wollten sie alles versuchen, um ihnen eine Behandlung zu ermöglichen.

Im Alter von etwa 9-10 Jahren konnte Phuong nachts nicht schlafen. Ständig hörte er seine Mutter husten und fühlte tiefes Mitleid mit ihr. Eines Tages kamen ehemalige Kameraden des Vaters zu Besuch. Sie erklärten ihm: „Du warst Agent Orange ausgesetzt – deshalb sind deine Kinder behindert.“

Damals wollte Phuong sterben, nur um das Leid seiner Mutter zu beenden. Gleichzeitig fühlte er aber auch, dass er sie nicht verlassen konnte – sie hatte ihn all die Jahre grossgezogen. Mit 11 Jahren fasste er einen Entschluss: Er wollte sein Dorf verlassen, um unabhängig zu werden und sein Leben zu verändern.

Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben 

Die Liebe seiner Eltern, aber auch die Ausgrenzung und der Schmerz gaben Phuong den Willen, sein Dorf zu verlassen und in die Stadt zu gehen, um einen Beruf zu erlernen.

Wegen seiner Kleinwüchsigkeit wurde er zunächst nirgendwo aufgenommen. Also beobachtete er bei Gasnachfüllstationen, wie man Feuerzeuge mit Gas befüllt. Mit dem Geld, das er zu (Mond-)Neujahr geschenkt bekommen hatte, kaufte er sich Werkzeug und ein leeres Feuerzeug. Er begann, Feuerzeuge seiner Nachbarn und seines Vaters wieder aufzufüllen.

In seinen frühen Teenager-Jahren besuchte er eine Ausbildung zum Uhrmacher.

Als er zwischen 19 und 20 Jahre alt war, ging Phuong nach Ho-Chi-Minh-Stadt, um eine Lehrstelle in einer Elektronikwerkstatt zu bekommen. Der Chef sah sich den ordentlich gekleideten jungen Mann an und rief seine Frau: „Schatz, da ist ein Ausserirdischer – soll ich ihn als Lehrling nehmen?“

Nach einer Probezeit gab der Chef ihm zwölf Boxen mit unterschiedlichsten Schrauben. Er sortierte sie alle sorgfältig. Der Chef war beeindruckt und sagte: „Ich brauche nur deinen Kopf – den Rest nicht.“ Er bot ihm eine Ausbildung an – mit derselben Bezahlung wie alle anderen.  Er blieb zehn Jahre.

Doch trotz aller Widrigkeiten und dank seiner Entschlossenheit und Ausdauer ist Phuong heute Lehrer. Er unterrichtet und begleitet dutzende Kinder, die ähnliche Schicksale wie er erlitten haben.

Ein Leben voller Mut 

Das Leben und der unerschütterliche Wille von Nguyen Ngoc Phuong und seiner Schwester Nguyen Thi Hieu zeigen eindrucksvoll, wie Menschen trotz schwerster Umstände Hoffnung und Stärke finden können.

Heute betreut Nguyen Ngoc Phuong Agent-Orange-Betroffene und andere benachteiligte Kinder und Jugendliche in einer von Green Cross Switzerland unterstützten Tagesstätte der DAVA (Da Nang Association for Victims of Agent Orange) in der Stadt Da Nang.

Viele sind nicht so stark wie er – hier helfen wir!

Die positive Wendung, die Phuongs Leben nahm, wäre für viele Betroffene in einer vergleichbaren Situation nicht möglich gewesen. Nur dank seiner Willenskraft, seiner Intelligenz und der Liebe seiner Eltern hat er es geschafft. Viele andere Opfer von Agent Orange hoffen vergeblich auf Hilfe und ihr Leben nimmt oftmals einen tragischen Verlauf.

Mit unserem vielfältigen Engagement in Vietnam setzen wir uns als Green Cross Switzerland seit über 25 Jahren dafür ein, dass diese Menschen nicht vergessen werden und die Unterstützung erhalten, die sie verdienen. Dank der Solidarität unserer Spenderinnen und Spender können wir zahlreiche Leben auf Dauer zum Guten verändern.

Das Foto in diesem Artikel stammt von Roland Schmid.

 

10.10.2025

World Mental Health Day

World Mental Health Day

Heute, am 10. Oktober, begehen wir den 34. Welttag für psychische Gesundheit («World Mental Health Day»). Dieser Welttag wurde erstmals 1992 auf Initiative des Weltverbandes für psychische Gesundheit («World Federation for Mental Health») organisiert, einer globalen Organisation mit Mitgliedern und Kontakten in mehr als 150 Ländern.

Für Green Cross Switzerland (GCCH) ist dies ein Anlass, um auf die dramatische internationale Situation der psychischen Gesundheit und auf unser Engagement in diesem Bereich aufmerksam zu machen. Es ist davon auszugehen, dass sich die seelische Verfassung der Menschheit in den letzten Jahren insgesamt nicht verbessert oder sogar verschlechtert hat. Die Gründe dafür sind vielfältig. Hervorzuheben ist der schmerzliche Umstand, dass junge Menschen besonders stark von psychischen Leiden betroffen sind: Gemäss UNICEF haben die Auswirkungen von Krieg und Gewalt auf Kinder weltweit ein noch nie dagewesenes Ausmass erreicht.

Gerade in den weniger wohlhabenden Ländern und Regionen, wo Organisationen wie GCCH aktiv sind, hoffen unzählige Millionen Menschen, die auf psychologische Unterstützung angewiesen wären, vergeblich auf Hilfe. Einer der Treiber der psychischen Belastung sind die vielen menschengemachten Katastrophen – ob aktuelle Ereignisse wie der Ukrainekrieg oder länger zurückliegende wie der schwere Reaktorunfall von Tschernobyl (1986) und der Vietnamkrieg (1955-75). Leider haben auch die letztgenannten Ereignisse Jahrzehnte später noch brandaktuelle und sehr gravierende Spätfolgen. GCCH leistet einen möglichst grossen Beitrag zu ihrer Bewältigung.

Unser psychologisches Unterstützungsprogramm in der Ukraine wurde Anfang 2024 lanciert. Es ist auf Dauer angelegt und wird stetig ausgebaut. Aktuell (Stand: Oktober 2025) werden bereits über 1000 Personen an vier verschiedenen Standorten betreut. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Kinder und Jugendliche – entsprechend der Erkenntnis, dass sie besonders anfällig für die psychischen Belastungen und Traumata sind, welche die Kriegsgräuel mit sich bringen.

Wie dringend Unterstützung gebraucht wird und was sie für die Betroffenen bewirken kann, möchten wir anhand von ein paar Beispielen verdeutlichen:

  • Cherson: Ein achtjähriger Junge, der psychologische Unterstützung erhielt, begann ohne erkennbaren Grund zu weinen, beim Spielen oder während einer Therapiesitzung. Auf die Frage „Was ist los?“ antwortete er: „Wir werden alle sterben, sie bringen uns um.“ Dann wurde in einem geschützten Rahmen einzeln mit ihm gearbeitet. Er lernte, sich mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen. Langsam liess die Angst nach. Der Junge begann zu lächeln und reagiert nun gelassener auf laute Geräusche.
  • Nowhoord-Siwerskyj: Die 62-jährige Tatiana suchte Hilfe bei unserer Psychologin. Vor einem halben Jahr war ihr Schwiegersohn im Krieg ums Leben gekommen, und sie wusste nicht, wie sie ihrer Tochter und ihrem 5-jährigen Enkel helfen sollte, diesen Verlust zu verkraften. Dank der psychologischen Begleitung gelang es Tatiana, die Trauer ihrer Tochter und ihres Enkels zuzulassen und ihnen Raum dafür geben. Sie lernte, das Gespräch über den Verstorbenen zu suchen, ihre Angst davor abzulegen und Erinnerungsrituale zu schaffen. Auch die Tochter wurde von der Psychologin begleitet. Die Angehörigen lernten so Schritt für Schritt, den Verlust besser zu verarbeiten und in Liebe dem Verstorbenen zu gedenken.
  • Tschernihiw: Ein fünfjähriges Mädchen musste mit ihrem Bruder und ihrer Mutter ihr Zuhause verlassen. Im neuen Kindergarten wollte sie anfangs nicht sprechen, verweigerte Spiele und Essen. Sie vermisste ihren Vater sehr, der in der alten Heimat geblieben war. Nur langsam, mit der Unterstützung von Erwachsenen, einer Psychologin und neuen Freundinnen, begann sie wieder zu lachen und gewann Lebensfreude zurück. Jetzt besucht sie die Gruppensitzungen mit Begeisterung, ist kommunikativer geworden und lernt durch kreative Aufgaben, mit ihren Emotionen umzugehen.

Weitere Informationen zum psychologischen Unterstützungsprogramm in der Ukraine finden Sie hier.

In der vietnamesischen Provinz Quang Tri stehen wir Menschen mit Behinderungen bzw. «Persons with disabilities» oder kurz PWDs bei. Die Behinderungen dieser Menschen sind auf Agent Orange und andere Spätfolgen des Vietnamkriegs wie z.B. nicht explodierte Bomben und Minen in den Böden zurückzuführen. In Quang Tri sind diese Spätfolgen besonders stark präsent. Aufgrund von physischen, psychologischen und sozialen Faktoren sind die betroffenen Menschen einem höheren Risiko für psychische Leiden ausgesetzt. Tragischerweise haben sie gleichzeitig oft einen schlechteren Zugang zu psychologischer Unterstützung als andere Bevölkerungsgruppen.

All diese Faktoren wirken zusammen und beeinflussen das psychische Wohlbefinden von PWDs, die häufig unter chronischem Stress, Angstzuständen und anhaltender Traurigkeit leiden.

Wie in der Ukraine ist es zentral, Risikofaktoren für psychische Störungen früh zu erkennen und geeignete Massnahmen zu ergreifen. Dies kann dazu beitragen, die allgemeine Gesundheit zu verbessern, langfristige Schäden zu verhindern und die Belastung des Gesundheitssystems zu verringern.

Viele Betroffene sind ängstlich, fühlen sich sozial isoliert und haben wenig Selbstvertrauen. Zu diesen Herausforderungen kommen in der Gesellschaft weit verbreitete Missverständnisse und Vorurteile betreffend Behinderungen und psychische Gesundheit hinzu. Beispielsweise besteht die falsche Vorstellung, dass Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Leiden „verrückt” sind, was dazu führen kann, dass sich diese Menschen zurückziehen, um einer Stigmatisierung zu entgehen.

Die finanzielle Belastung ist ein weiteres grosses Problem, da die Kosten für Behandlung, Medikamente, Rehabilitation, Transport und den Lebensunterhalt hoch sind. Darüber hinaus fehlt es oft das Wissen und die Fähigkeiten, die für eine effektive Pflege erforderlich sind.

Um den Betroffenen dringend benötigte Erleichterung zu bringen, arbeiten wir seit Ende 2024 mit unserer Partnerorganisation ACDC («Action to the Community Development Institute») zusammen. Die Projektarbeit umfasst vielfältige Massnahmen.

Schulungen: In diesen eignen sich lokale Gesundheitsfachkräfte, z.T. selbst PWDs, ein umfassendes Verständnis der psychischen Gesundheit und der psychologischen Bedürfnisse von PWDs an. Sie erwerben die notwendigen Fähigkeiten, um Betroffene psychologisch unterstützen und beraten zu können. Darüber hinaus lernen sie, Screening-Instrumente einzusetzen, um Menschen mit Behinderungen und ihre Familienangehörigen zu identifizieren, die möglicherweise mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Schliesslich werden die Teilnehmenden in die Lage versetzt, Gruppensitzungen zur Förderung und Unterstützung von PWDs zu leiten. Die Peer-Beratung ist besonders wertvoll, da selbst Betroffene sich am besten in die Situation von PWDs einfühlen können.

Umfassende Zusammenarbeit: Viele weitere Partner wirken in der Projektarbeit mit: das Gesundheitsministerium der Provinz, die Provinzorganisation für PWDs, das allgemeine Krankenhaus, das Provinzzentrum für Krankheitskontrolle, Bezirksgesundheitszentren im Projektgebiet, eine multidisziplinäre Gruppe zur Unterstützung der psychischen Gesundheit sowie Psychologie-Expertinnen und -Experten.

Screening & Bewertung psychischer Erkrankungen von Menschen mit Behinderungen und ihren Familien: PWDs und ihre Familienangehörigen werden von geschulten Fachkräften im Hinblick auf psychische Erkrankungen untersucht, zuerst im Rahmen eines vorläufigen Screenings (Stufe 1), anschliessend erfolgt ein detailliertes Screening (Stufe 2). Daraus werden wertvolle Erkenntnisse für die psychologische Unterstützung gewonnen.

Beratung & Förderung: In Selbsthilfegruppensitzungen, die von den geschulten Fachkräften geleitet werden, tauschen sich Betroffene in einer sicheren Umgebung über ihre Erfahrungen und Herausforderungen im Alltag aus. Sie werden für ihre psychische Gesundheit sensibilisiert und dazu ermutigt, ihre Emotionen auszudrücken und damit besser umzugehen, Stress zu reduzieren, erfolgreicher zu kommunizieren und soziale Kontakte zu pflegen. Zudem erarbeiten sie Bewältigungsstrategien für ihre individuellen Herausforderungen. In schweren Fällen psychischer Erkrankungen werden sie an spezialisierte Behandlungseinrichtungen überwiesen.

Öffentlichkeitsarbeit: Mittels Veranstaltungen werden PWDs und ihre Familien sowie die Öffentlichkeit im Allgemeinen für das Thema psychische Gesundheit von PWDs sensibilisiert. Die erste Veranstaltung ist für Ende Oktober 2025 geplant. Es werden grundlegende Kenntnisse über psychische Gesundheit und Selbsthilfe vermittelt. Zudem werden Möglichkeiten für Interaktion, Erfahrungsaustausch, gegenseitige Ermutigung und emotionalen Beistand geschaffen. Damit sollen wiederum der Zusammenhalt in der Gesellschaft gefördert und Unterstützungsnetzwerke gestärkt werden.

Resultate & Kennzahlen der GCCH-Projekte im Bereich der psychologischen Unterstützung (Stand: Ende September 2025):

Ukraine (seit Anfang 2024):

  • Standort Tschernihiw: Psychologische Betreuung von 488 Kindern
  • Standort Cherson: Psychologische Betreuung von 16 Kindern
  • Standort Sosnyzja: Psychologische Betreuung von 160 Kindern
  • Standort Nowhorod-Siwerskyi: Gruppentherapie mit 122 Jugendlichen und 228 Erwachsenen sowie Einzeltherapie mit 5 Kindern, 21 Jugendlichen und 58 Erwachsenen

Vietnam (seit Ende 2024):

  • Ende 2024-Anfang 2025: In einem «Training of Trainers»-Kurs wurden vier Menschen mit Behinderungen zu Peer-Berater:innen ausgebildet. Dadurch werden sie in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zahlreiche andere Betroffene wirksam unterstützen können. Durch die anschliessende Peer-Beratung erhielten 20 Betroffene individuelle Unterstützung. Es besteht weiterhin Kontakt, um bei Fragen oder Problemen Unterstützung zu bieten.
  • 2025 (laufend): Peer-Beratung in Selbsthilfegruppen und individuell mit bisher 58 Personen
  • Mai 2025: Fachtreffen mit den obengenannten Akteuren des Gesundheitswesens, u.a. zwecks Verabschiedung des Projektumsetzungsplans.
  • Juli/August 2025: Zwei aufeinanderfolgende Schulungen mit 70 Teilnehmenden, darunter Peer-Berater:innen (PWDs), Dorfgesundheitshelfer:innen und Vertreter:innen der multidisziplinären Gruppe zur Unterstützung der psychischen Gesundheit (Vertreter:innen des Provinzzentrums für Krankheitskontrolle, des Provinzkrankenhauses, der medizinischen Hochschule, des Dorfgesundheitsvereins und der Schule für Kinder mit Behinderungen)
  • September 2025: Detailliertes Screening im Hinblick auf psychische Erkrankungen bei 90 PWDs und ihren Familien. Darauf aufbauend wird voraussichtlich im November 2025 ein Handbuch für die psychologische Unterstützung fertiggestellt.

Quellen:

10.08.2025

Verteilaktion zum Agent-Orange-Gedenktag

Verteilaktion zum Agent-Orange-Gedenktag

Unterstützung für bedürftige Betroffen in der Provinz Đắk Lắk (südliches Vietnam) 

Am 10. August wurde in Vietnam wieder der Agent-Orange-Gedenktag begangen. Er gilt der Solidarität mit allen, die unter den langwierigen Folgen des Chemiewaffeneinsatzes während des Vietnamkrieges leiden. 

Agent Orange, ein hochgiftiges Entlaubungsmittel, wurde zwischen 1965 und 1970 grossflächig versprüht. Die Folgen wirken bis heute fort: schwere und chronische Krankheiten, körperliche und geistige Behinderungen, Missbildungen bei Neugeborenen – oft über Generationen hinweg. 

Gerade im ländlichen Raum sind viele Familien betroffen, so auch in der Gemeinde Xã Ea Kly (Provinz Đắk Lắk, südliches Vietnam). Die meisten von ihnen leben unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen.
Oft fehlen stabile Einkommensquellen, die medizinische Versorgung ist unzureichend und die Pflege betroffener Angehöriger bindet alle Kräfte. 

Das Charity Project Krong Buk (CPKB), ein Partnerhilfswerk von Green Cross Switzerland (GCCH)  in Vietnam, hat es sich mit unserer Unterstützung zur Aufgabe gemacht, hier konkrete Hilfe zu leisten. Anlässlich des Agent-Orange-Gedenktags wurden 150 Familien, die nachweislich von den Spätfolgen betroffen sind, mit dringend benötigten Essenspaketen unterstützt. 

Jedes Paket enthielt Grundnahrungsmittel wie Reis, Nudeln, Speiseöl, Fischsauce und Bohnen.
Zusätzlich konnten wir Hygieneartikel beilegen, um auch in diesem Bereich etwas Entlastung zu schaffen. Die Verteilung fand bereits am 8. August im Gemeindehaus von Xã Ea Kly statt.
Vertreter:innen der Gemeindeverwaltung sowie der VAVA (“Vietnam Association for Victims of Agent Orange”) begrüssten die Familien und übermittelten ihre Dankbarkeit an die Unterstützer:innen des Projekts. 

Für GCCH ist der Agent-Orange-Gedenktag nicht nur ein Tag des Gedenkens. Er ist ein Tag des Handelns, des Bewusstseins und der Solidarität. Er erinnert uns daran, dass die Vergangenheit bis heute nachwirkt und dass wir die Verantwortung tragen, den unschuldigen Opfern in ihrer Not beizustehen. 

Mit dieser Aktion wollen wir nicht nur akute Not lindern, sondern auch Aufmerksamkeit schaffen – für ein Thema, das international oft in Vergessenheit gerät. 

Wir danken allen Spender:innen, Helfer:innen und Partner:innen, die diese Unterstützung möglich gemacht haben. Ihre Solidarität zeigt: Auch fernab der grossen Städte und jenseits medialer Schlagzeilen kann menschliche Verbundenheit Grosses bewirken. 

Zusammen mit dem CPKB wird GCCH auch künftig an der Seite der Betroffenen stehen.
Die nächste Initiative ist bereits in Planung – wieder mit dem Ziel, nachhaltige Hilfe zu leisten und die Lebensqualität zu verbessern.  

 Wir arbeiten weiter für eine Zukunft, in der niemand mit den Folgen von Agent Orange allein gelassen wird. 

Weiterführende Links:
Webpräsenz des Charity Project Krong Buk 

Interview mit unserem Projektpartner und CPKB-Geschäftsführer Peter Jenni 

12.06.2025

Ukraine: auf Dauer angelegtes psychologisches Unterstützungsprogramm

Ukraine: auf Dauer angelegtes psychologisches Unterstützungsprogramm

Anfang 2024 hat Green Cross Switzerland ein Pilotprojekt zur psychologischen Unterstützung kriegsbetroffener Menschen in der Ukraine ins Leben gerufen (mehr dazu hier). Der Bedarf war und ist sehr gross. Zwar nahmen zu diesem Zeitpunkt viele Kindergärten ihren Betrieb wieder auf – doch prägten die Auswirkungen des Krieges das Leben der Menschen weiterhin stark. Besonders bei Kindern traten gravierende psychische Belastungen zutage: gesteigerte Ängstlichkeit, heftige Reaktionen auf Luftalarme und deutliche Anzeichen mentaler Überforderung. 

Anfänge in Tschernihiw

Den Auftakt machte unser Pilotprojekt in einem Kindergarten in Tschernihiw, der von rund 250 Kindern besucht wird. Schon dort zeigte sich sehr deutlich, wie gross der Bedarf an psychologischer Unterstützung ist. Die positiven Rückmeldungen der Eltern sowie das Ausmass und die Dringlichkeit der Herausforderungen bestätigten uns in der Entscheidung, unsere Hilfe weiter auszubauen.

Ausweitung auf Schulen, Jugendliche und Erwachsene

In einem nächsten Schritt begannen wir mit unserer Arbeit an Schulen in Nowhorod-Siwerskyj –  vor allem mit Jugendlichen, die in besonderem Masse unter den psychischen Belastungen des Krieges leiden. Bald erreichten uns auch Anfragen von Erwachsenen. Viele von ihnen zeigten Symptome einer posttraumatischem Belastungsstörung oder litten unter schweren Angstzuständen.

Als Reaktion darauf richteten wir in Nowhorod-Siwerskyj einen Raum für psychologische Beratung ein. Dort finden sowohl Einzelgespräche, insbesondere für Erwachsene, als auch regelmässige Gruppensitzungen für Jugendliche und junge Erwachsene statt. Auch krebskranke Patientinnen und Patienten werden hier psychologisch begeleitet.

Im Mai 2025 eröffneten wir einen weiteren Standort im Bildungs- und Rehabilitationszentrum in Sosnyzja. Hier werden Kinder mit Behinderungen, Autismus oder anderen besonderen Bedürfnissen betreut – in einem geschützten Rahmen, der auf ihre individuellen Bedürfnisse eingeht.

Auf Dauer angelegtes Programm

Was als Pilotprojekt begann, hat sich zu einem langfristig angelegten Unterstützungsprogramm entwickelt. Im Zentrum stehen Menschen, die direkt von den Folgen des Krieges betroffen sind – insbesondere Kinder, Jugendliche und Binnenvertriebene. Unser Ziel ist es, die psychische Belastung zu verringern, das emotionale Wohlbefinden zu stärken und soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Angesichts des anhaltenden Bedarfs wird das Programm kontinuierlich erweitert – der nächste Schritt ist der Aufbau eines psychologischen Beratungsangebots in der Hafenstadt Odessa.

Kunsttherapie als zentrales Element

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf kunsttherapeutischen Ansätzen. In einem geschützten Rahmen erhalten Kinder die Möglichkeit, ihren Gefühlen durch kreative Ausdrucksformen Raum zu geben, sie zu verarbeiten und dabei innere Stärke sowie psychische Stabilität zu entwickeln. Sämtliche Angebote werden von einem interdisziplinären Team aus Psycholog:innen und Kunsttherapeut:innen fachkundig geleitet und sind auf die individuellen sowie altersspezifischen Bedürfnisse der Teilnehmenden abgestimmt.

Aktuelle Zahlen (Stand: Ende Mai 2025)

  • Standort Tschernihiw: Psychologische Betreuung von 438 Kindern
  • Standort Cherson: Psychologische Betreuung von 16 Kindern
  • Standort Sosnyzja: Psychologische Betreuung von 99 Kindern
  • Standort Nowhorod-Siwerskyi: Gruppentherapie mit 63 Jugendlichen und 107 Erwachsenen sowie Einzeltherapie mit 4 Kindern, 7 Jugendlichen und 26 Erwachsenen

11.05.2025

Medienbeiträge Ausstellung zum giftigen Erbe des Vietnamkriegs

Medienbeiträge Ausstellung zum giftigen Erbe des Vietnamkriegs

Die Geschichte des Vietnamkriegs zeigt, welche verheerenden Langzeitschäden Kriege anrichten und wie sich das Leiden oftmals weit über das Ende eines Konflikts hinaus über Generationen fortsetzt. Für die Opfer ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Öffentlichkeit sensibilisiert und das Thema stärker von den Medien bearbeitet wird.

Um einen Beitrag zu dieser Sensibilisierung zu leisten, wirkte GCCH an der Ausstellung «Krieg ohne Ende. Das giftige Erbe des Vietnamkriegs – 50 Jahre danach» mit. Hier finden Sie mehr Informationen dazu.

Die Ausstellung und ihre Thematik stiessen auf reges Interesse in den Medien:

Das Foto in diesem Artikel stammt von Roland Schmid.