Agent-Orange-Gedenktag
Heute, am 10.08.2026, begehen wir den Agent-Orange-Gedenktag im Gedenken an den Beginn des Einsatzes von Entlaubungsmitteln im Vietnamkrieg vor genau 65 Jahren. Wir nehmen diesen besonderen Tag zum Anlass, um auf die bis heute anhaltenden besonders schweren Folgen der Ausbringung von Agent Orange aufmerksam zu machen. Agent Orange wurde während des Vietnamkrieges von der US-Luftwaffe und US-Alliierten eingesetzt. Bis heute leiden viele tausende Menschen in Vietnam unter schweren Krankheiten, Behinderungen und Fehlbildungen, die mit der Belastung durch das hochgiftige Dioxin in Verbindung stehen.
Zentralvietnam, insbesondere die Stadt Hue und die Provinz Quang Tri, gehört zu den Regionen, die besonders stark von den Langzeitfolgen des Krieges und insbesondere des Agent-Orange-Einsatzes betroffen sind. Zahlreiche Menschen mit Behinderungen und Opfer von Agent Orange sehen sich bis heute mit erheblichen Herausforderungen in den Bereichen Gesundheit, Wohn- und Lebensbedingungen, Existenzsicherung und gesellschaftlicher Teilhabe konfrontiert.
Für viele Familien stellen finanzielle Schwierigkeiten und eine nicht barrierefreie Infrastruktur massive Hindernisse im Alltag dar. Sie erschweren die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben der Betroffenen und erhöhen zugleich die Abhängigkeit von der Unterstützung und Pflege der Angehörigen.
Um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern, ihre selbstständige Lebensführung zu stärken und die gesellschaftliche Teilhabe zu fördern, führt Green Cross Switzerland (GCCH) gemeinsam mit dem Action to the Community Development Institute (ACDC) ein ganzheitliches Unterstützungsprogramm in der Stadt Hue und in der Provinz Quang Tri durch. Das Programm umfasst Rehabilitationsmassnahmen, die Bereitstellung von Hilfsmitteln, Unterstützung bei der Existenzsicherung, die Verbesserung des Zugangs zu sauberem Wasser, die Förderung erneuerbarer Energien sowie Massnahmen zur barrierefreien Anpassung von Wohnraum.
Barrierefreies Wohnen
Ein zentraler Teil des Programms ist die Schaffung von barrierefreiem Wohnraum für Menschen mit Behinderungen – Behinderungen, die im Zusammenhang mit Agent Orange oder den in den Böden verbliebenen Kampfminen stehen. Die Barrierefreiheit der eigenen Wohnung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Betroffenen sicher, selbstständig und in Würde leben können. Bauliche Hürden wie nicht barrierefreie Toiletten, Stufen an Hauseingängen, rutschige Böden, fehlende Haltegriffe oder mangelhafte sanitäre Einrichtungen stellen für viele Betroffene nach wie vor erhebliche Probleme im Alltag dar. Sie schränken ihre Selbstständigkeit im Alltag massiv ein und erhöhen die Abhängigkeit von Angehörigen. Zudem besteht dadurch stets ein latentes Sturzrisiko und es bestehen weitere Probleme wie das Fehlen einer richtigen, hygienischen Toilette.
Im Rahmen des Unterstützungsprogramms werden deshalb im Juli und August in 40 Haushalten bauliche Hindernisse in der Wohnung beseitigt und notwendige Anpassungen vorgenommen. Das eigene Zuhause wird für die Betroffenen dadurch sicherer, wobei sie alltäglichen Aktivitäten komfortabler und unabhängiger nachgehen können. Die Anpassungen erfolgen dabei stets auf Grundlage der individuellen Bedürfnisse und Lebensumständen der jeweiligen Haushalte und im Austausch mit den lokalen Behörden.
Trinkwasserversorgung
Nebst den Barrieren in den eigenen vier Wänden stellt auch der Zugang zu sauberem Wasser für viele Vietnames:innen in ländlichen Gebieten der Provinz Quang Trị eine grosse Herausforderung dar, insbesondere für Menschen mit Behinderungen und Agent-Orange-Betroffene. Viele von ihnen sind auf unsichere Wasserquellen wie privat gebohrte oder gegrabene Brunnen angewiesen. In Bergregionen beziehen die Menschen ihr Wasser häufig aus Bächen oder anderen unbehandelten Wasserquellen. Zudem variiert die Wasserqualität je nach Region und Jahreszeit. Dies kann sich unmittelbar auf die Gesundheit und Lebensbedingungen der Bevölkerung auswirken.
Für Menschen mit Behinderungen erweist sich diese Situation aufgrund ihrer eingeschränkten Mobilität als besonders belastend. Viele sind für die Wasserbeschaffung auf die Unterstützung von Familienangehörigen angewiesen. Nicht selten befindet sich die nächstgelegene Wasserquelle weit von ihren Wohnhäusern entfernt. Dies erhöht nicht nur den Betreuungs- und Pflegeaufwand der Angehörigen, sondern beschneidet auch die Möglichkeiten der Betroffenen ein selbstständig(er)es Leben zu führen.
Die Trinkwasserversorgung stellt aber auch Einrichtungen vor Herausforderungen, die wichtige Dienstleistungen und Betreuungsangebote für Menschen mit Behinderungen bereitstellen. So müssen auch einige Gesundheitsstationen (!) in ländlichen Regionen weiterhin auf unbehandeltes Wasser oder veraltete Wasserversorgungssysteme zurückgreifen. Dies beeinträchtigt sowohl die Qualität der Gesundheitsversorgung als auch den Zugang der lokalen Bevölkerung zur medizinischen Grundversorgung erheblich.
Mehrere Betreuungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen verfügen beispielsweise über keine ausreichenden Wasserspeicherkapazitäten, um den täglichen Wasserbedarf zu decken. Dies gilt insbesondere während der Trockenzeit oder bei Unterbrechungen der Wasserversorgung.
Im Rahmen des von GCCH und ACDC realisierten Projektes werden deshalb bedarfsgerechte Massnahmen vorgenommen, um die Trinkwasserversorgung zu verbessern. Dazu gehören die Bohrung von Brunnen, die Installation von Wasserfiltersystemen in Haushalten, der Anschluss an bestehende Leitungswassersysteme, der Bau von Wasserspeichertanks und die Schaffung von erleichterten Zugängen zu sauberem Wasser in 23 Haushalten, in denen Menschen mit Behinderungen leben. Die Betroffenen und Verantwortlichen der fünf unterstützten Betreuungseinrichtungen erhalten darüber hinaus Beratungen zur sicheren Nutzung es Wassers, zum Betrieb und zur Wartung der Wasserversorgungssysteme sowie zum Schutz der Wasserquellen. Die Massnahmen werden zwischen August und Oktober 2026 umgesetzt.
Für Menschen mit Behinderungen und Agent-Orange-Betroffene – insbesondere für jene, die in einkommensschwachen und armutsgefährdeten Familien leben – trägt die Umgestaltung oder Renovierung der Wohnbereiche und der erleichterte Zugang zu sauberem Wasser massgeblich zu einer Verbesserung der hygienischen Bedingungen und Gesundheit bei. Zudem werden dadurch die Herausforderungen des täglichen Lebens verringert, die selbstständige Versorgung der Betroffenen gestärkt und ihre Abhängigkeit von Familienangehörigen verringert. Nicht zuletzt führen die Massnahmen dazu, dass die Würde, Sicherheit, allgemeine Lebensqualität der Betroffenen und ihre soziale Teilhabe gestärkt werden.