40 Jahre Tschernobyl
Alte Narben, neue Wunden: 40 Jahre nach der Tschernobylkatastrophe vom 26. April 1986 hält Green Cross Switzerland inne und reflektiert diesen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, blickt aber auch in die Zukunft der am stärksten betroffenen Gebiete.
Der Blick zurück
Viele ziehen heute aus guten Gründen in Zweifel, dass die Menschheit kollektiv aus der Geschichte lernt. Wir von Green Cross Switzerland halten hingegen an dieser Ambition fest, denn sie ist die Basis für das Handeln unserer Stiftung seit über 30 Jahren.
Welche Lehren können wir heute aus dem verheerendsten Unfall in der Geschichte der Atomkraft ziehen?
Um einen vermeintlich grossen Nutzen zu erzielen, neigt der Mensch dazu, vorhersehbare und grosse Risiken einzugehen, die dann leider oft in – menschengemachte – Katastrophen münden. Die Gewissheit, potenziell hochgefährliche Technologien zu 100 % kontrollieren zu können, stellte sich im Falle der Atomenergie als trügerisch heraus.
Der Unfall im Kernkraftwerk (KKW) Tschernobyl zeigte in dramatischer Weise, wie verhängnisvoll es sein kann, technische Risiken zu unterschätzen, Warnzeichen zu ignorieren und Sicherheit politischen oder wirtschaftlichen Zielen unterzuordnen. So waren schon viele Jahre vor der Katastrophe dem sowjetischen Geheim- und Sicherheitsdienst KGB zahlreiche Risiken und Mängel bekannt. Dennoch wurden die hochbrisanten Erkenntnisse geheim gehalten und es geschah kaum etwas.
Im Gegenteil: Zeitzeuge Nikolai Isaev erinnert sich an die Phase trügerischer Sicherheit und trügerischen Glücks. Er arbeitete damals in der chemischen Abteilung des KKW und lebte mit seiner Familie in der nahegelegenen Stadt Pripyat. Direkt nach dem Unfall war er noch über fünf Jahre an den Liquidationsarbeiten beteiligt. Heute, geflüchtet vor dem Krieg in der Ukraine, lebt er in Genf. Seine Wahrnehmung des Lebens in der Region vor dem 26. April 1986 beschreibt er wie folgt: «Kurz gesagt: Das Leben war schön, und nichts liess etwas Schlimmes erahnen – schon gar nicht die Katastrophe von Tschernobyl.»
Die in Tschernobyl eingesetzten RBMK-Reaktoren galten als leistungsfähig und relativ kostengünstig im Bau, brachten jedoch erhebliche Sicherheitsrisiken mit sich.
Zwar wurde die Sicherheit nach dem Super-GAU von Tschernobyl verbessert. Dennoch ist es bemerkenswert, dass sieben der gesamthaft 17 in Betrieb genommenen RBMK-Reaktoren auch heute noch in Betrieb sind. Die sowjetische Regierung ging trotz des (bekannten) Ausmasses der Katastrophe mit den Blöcken 1-3 wieder ans Netz. Und auch nach dem Ende der Sowjetunion blieb Tschernobyl in Betrieb. Erst im Dezember 2000 wurde der letzte Reaktor abgeschaltet!
Vor 40 Jahren, am 26. April 1986, kam es um 01:23 Uhr schliesslich zur Explosion und zum Super-GAU im Reaktorblock 4. Während eines Tests geriet der Reaktor in einen instabilen Zustand. Innerhalb weniger Sekunden stieg die Leistung unkontrolliert an und es kam zu Explosionen, die den Reaktorkern freilegten. Das darin enthaltene Graphit fing Feuer und brannte mehrere Tage – dabei wurden grosse Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt, die sich rasant ausbreiteten.
Nikolai Isaev berichtet, dass er im Maschinenhaus bereits kurz nach der Explosion Graphit aus dem Reaktor sah – ein deutliches Zeichen für das Ausmass der Zerstörung. Die Tragweite wurde zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht vollständig erkannt oder nicht offen kommuniziert.
Besonders stark betroffen war nicht nur die heutige Ukraine, sondern auch Belarus und Teile Russlands. Ein erheblicher Teil der radioaktiven Niederschläge ging aufgrund der Wetterlage über Belarus nieder – ein Umstand, der bis heute die Lebensrealität vieler Menschen dort prägt.
Nikolai Isaev erinnert sich an die ersten Stunden nach der Explosion: Während bereits Soldaten in Schutzanzügen durch die Strassen der Stadt Pripyat gingen und Messungen der Strahlung durchführten, sassen viele Bewohnerinnen und Bewohner noch draussen, Kinder spielten im Freien. Diese Gleichzeitigkeit von Normalität und unsichtbarer Gefahr wirkte völlig unwirklich.
Die ersten Todesopfer waren bereits in den Morgenstunden zu beklagen. Die Gesamtzahl der Menschen, die der Unfall das Leben kostete, ist bis heute umstritten geblieben. Gleiches gilt für die Zahl der durch Strahlung verursachten Erkrankungen.
Klarer ist: Hunderttausende verloren ihr Zuhause. Viele von ihnen gingen anfangs davon aus, nur für wenige Tage zu verreisen – kehrten aber nie wieder zurück. Insgesamt mussten rund 350’000 Menschen in den Jahren nach der Katastrophe umgesiedelt werden. Dazu gehörten auch die knapp 50’000 Einwohner:innen der zuvor aufstrebenden, 1970 gegründeten Stadt Pripyat. Das KKW war Hauptarbeitgeber für die Bewohner:innen. Heute ist Pripyat eine Geisterstadt, ein Mahnmal.
Die weiteren Folgen und Kosten waren vielfältig und wirken teilweise bis heute fort. Sie reichen von unmittelbaren, klar sichtbaren Schäden bis hin zu langfristigen und schwer messbaren Auswirkungen:
- Todesopfer und akute Erkrankungen (insbesondere Strahlenkrankheit)
- Stilllegung, Sicherung, Dekontamination, Bau des Sarkophags und Konstruktion einer zweifachen Schutzhülle, ständige aufwendige Überwachung über Generationen hinweg
- Langfristige Gesundheitsfolgen wie bspw. Schilddrüsenkrebs, Gesundheits- und Sozialprogramme für die betroffene Bevölkerung
- Psychische Belastungen, Traumata und Stigmatisierung
- Dauerhafte Sozialleistungen für Betroffene (Liquidatoren, Evakuierte)
- Langfristige und schwere Umweltschädigung, Verlust landwirtschaftlicher Produktion und lokaler Wirtschaftskraft, wirtschaftlich geschwächte oder strukturell abgehängte Regionen
- Demografische Effekte (Abwanderung, sinkende Geburtenraten)
- Politische und systemische Folgekosten (bspw. Vertrauensverlust)
Je nach Kalkulation werden die wirtschaftlichen bzw. finanziellen Schäden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl von 1986 bis heute (2026) auf rund 180 bis über 600 Milliarden Schweizer Franken geschätzt. Auch 40 Jahre später wachsen diese Kosten weiter.
Zu den laufenden Kosten gehören beispielsweise der Aufwand für die Sicherung der Anlage, der Rückbau, das Abfallmanagement, die Überwachung radioaktiv belasteter Gebiete sowie die gesundheitliche und soziale Unterstützung von Betroffenen der Spätfolgen. Bis heute wird die Anlage durchgehend von Personal im Schichtbetrieb überwacht und instandgehalten. Das wird noch lange nötig bleiben.
Aber auch heute leiden noch viele an den gesundheitlichen Folgen der Katastrophe, wie das Beispiel von Nikolai Isaev zeigt. Er wurde offiziell als Tschernobyl-Invalider anerkannt und leidet an vielen Krankheiten. Heute ist er noch in Behandlung wegen Herzproblemen (Angina pectoris und Ischämie), einer radioaktiven Verbrennung der Netzhaut und Typ-2-Diabetes. Zudem wurde ihm die Prostata entfernt und er leidet an Heuschnupfen. Seine Frau hat Brustkrebs und Schilddrüsenkrebs. Viele der damaligen Arbeitskollegen Isaevs und der damaligen Einwohner:innen Pripyats haben ähnliche oder die gleichen Erkrankungen.
Im Kontext all dieser schwerwiegenden Folgen wurde 1993/94 Green Cross Switzerland gegründet und unser SOCMED-Programm („Social and Medical Care and Education“) ins Leben gerufen. Aufgrund der Zusammenarbeit mit dem Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow konzentrierte sich unsere Stiftung anfänglich auf Projekte in der ehemaligen Sowjetunion und insbesondere auf die Katastrophe von Tschernobyl. Etabliert wurde das SOCMED-Programm 1995 in Belarus, 1998 in Russland und 2000 in der Ukraine. Im Kontext der Tschernobylkatastrophe setzt sich das Programm zum Ziel, eine dauerhafte Verbesserung der Lebensumstände von besonders betroffenen Menschen, insbesondere Kindern und Jugendlichen, zu erreichen.
Ein Herzstück des SOCMED-Programms bildeten die Therapiecamps. Sie setzten auf eine Kombination von körpermedizinischen, psychologischen und sozialen Unterstützungsleistungen. In den Therapiecamps wurden vor allem Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen durch Ärzt:innen, Therapeut:innen, Lehrer:innen und Pädagog:innen betreut und unterrichtet. Neben der Untersuchung der Kinder und Jugendlichen durch das medizinische Personal und der Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln wurden auch soziale Aktivitäten organisiert, um die Kreativität, ökologisches Bewusstsein und ein Gemeinschaftsgefühl zu fördern.
Der Blick nach vorne
Heute stehen für die Bevölkerung der betroffenen Gebiete insbesondere noch die wirtschaftlichen, psychischen und sozialen Auswirkungen der Katastrophe im Mittelpunkt. Zudem wird das Leben der Menschen in der Ukraine, gerade auch in den am stärksten noch von Tschernobyl betroffenen Gebieten, vom andauernden Krieg überschattet.
Die internationale Gemeinschaft verfolgt die Situation bis heute mit grosser Aufmerksamkeit. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) ist seit Beginn des Ukrainekriegs dauerhaft vor Ort präsent, um die Sicherheit nuklearer Anlagen zu überwachen und auf Risiken hinzuweisen.
Der Ukrainekrieg zeigt deutlich auf, dass die Risiken der Atomenergie nicht nur technischer Natur sind. In bewaffneten Konflikten werden nukleare Anlagen selbst zu potenziellen Gefahrenquellen – sei es durch direkten Beschuss oder durch Stromausfälle, die die Kühlung der Reaktoren gefährden können.
Seit Kriegsausbruch hat die IAEA zahlreiche sicherheitsrelevante Zwischenfälle an ukrainischen Nuklearanlagen registriert. Im Februar 2025 riss eine Kampfdrohne ein Loch in die Hülle des Sarkophags von Tschernobyl. Zum Glück hatte dies keine Auswirkung auf die Strahlenwerte, aber die IAEA warnte, dass eine zeitnahe, umfassende Reparatur nötig sei. Derzeit können zwei Hauptaufgaben – der Einschluss radioaktiver Stoffe und die sichere Vorbereitung des Rückbaus instabiler Strukturen – nur unvollständig erfüllt werden.
40 Jahre nach der Tschernobylkatastrophe bleiben aufgrund der Radioaktivität noch immer grosse Flächen unbewohnbar. Viele Gemeinden sind bis heute mit wirtschaftlicher Schwäche und eingeschränkten Zukunftsperspektiven konfrontiert. Gerade für jüngere Generationen bedeutet dies oft fehlende Chancen und Abwanderung.
Mit unserem Solarprogramm leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Linderung der Belastung durch das Kriegsgeschehen, aber auch für die Zukunft der dort lebenden Bevölkerung, insbesondere der jungen und künftigen Generationen.
Warum ist gerade der Ausbau der Solarenergie eine prioritäre Massnahme? Für viele Menschen ist die Stromversorgung zur grössten Sorge geworden.
Die vielen kriegsbedingten Stromausfälle haben die Ukraine im kalten Winter buchstäblich erzittern lassen. Doch auch jetzt bleibt die Stromversorgung einer der grössten Unsicherheitsfaktoren im Alltag. Oft sind die Menschen zum Aufenthalt in Schutzräumen gezwungen. Fällt dort zusätzlich der Strom aus, verschärft sich die Situation. Das gilt besonders für die Verletzlichsten: Kinder, betagte Personen, Kranke, Menschen mit Behinderungen.
„Manche Kinder bekommen sofort Angst. Sie haben Explosionen erlebt. Dunkelheit bedeutet für sie Gefahr“, sagt Switlana Ludanyk, die Leiterin eines Kindergartens in Horodnja.
Um möglichst vielen Menschen bei der Überbrückung der Stromausfälle zu helfen, installieren wir Solaranlagen in öffentlichen Einrichtungen wie unter anderem Schulen, Kindergärten oder Krankenhäusern. In Kombination mit Batteriespeichern schaffen sie eine verlässliche Stromversorgung für die dringendsten Bedürfnisse. Gerade in Krisensituationen kann dies entscheidend sein – etwa für die medizinische Versorgung, den Betrieb von Schutzräumen oder den Alltag von Familien.
Damit das Solarprogramm eine möglichst grosse Wirkung entfalten kann, setzen wir auf folgende ergänzende Massnahmen:
- Kreislauffinanzierung durch gemeinnützige Solarfonds: Ein Teil der Einsparungen aus dem produzierten Solarstrom fliesst in gemeinnützige Fonds. Mit diesen Mitteln sollen in Zukunft weitere öffentliche Einrichtungen mit Solaranlagen ausgestattet werden.
- Sensibilisierung und Wissensvermittlung: Einrichtungen, die mit Solaranlagen ausgestattet werden, führen Informationsveranstaltungen durch. Dadurch sollen möglichst viele Menschen und Unternehmen über die Vorteile der Solarenergie informiert werden.
Neben der Stromversorgung bleibt auch die psychische Belastung ein zentrales Thema. Ein wichtiger Schwerpunkt unseres Engagements ist daher das psychologische Unterstützungsprogramm mit inzwischen rund 2000 Teilnehmenden, grossmehrheitlich Kindern und Jugendlichen, das wir kontinuierlich ausbauen.
Tschernobyl ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern prägt unsere Gegenwart. Gerade deshalb bleibt es entscheidend, nicht nur zurückzublicken, sondern konkrete Antworten für die Gegenwart zu geben. Für Green Cross Switzerland bedeutet das, dort zu handeln, wo die Folgen bis heute spürbar sind, und Perspektiven für die Zukunft zu schaffen.
In unserer heutigen Welt, die von Krisen, Kriegen und grossen Risiken geprägt ist, ist es wichtiger denn je, aus Tschernobyl zu lernen und entsprechend zu handeln.
Quellen & weiterführende Informationen:
Grundlagen und wissenschaftliche Einordnung
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11896848/
https://www.unscear.org/unscear/en/areas-of-work/chernobyl.html
https://www.who.int/news-room/questions-and-answers/item/radiation-the-chernobyl-accident
https://world-nuclear.org/information-library/appendices/rbmk-reactors
https://preparecenter.org/wp-content/uploads/2021/04/WHO-Health-Effects-Report_9241594179_eng.pdf
Kosten der Katastrophe
Die folgenden Quellen zeigen unterschiedliche methodische Ansätze zur Schätzung der wirtschaftlichen Kosten, weshalb die Angaben variieren:
https://www.un.org/fr/desa/statement-round-table-discussion-identifying-and-mitigating-long-term
https://www.greenfacts.org/en/chernobyl/l-3/5-social-economic-impacts.htm
https://www.nationalgeographic.com/culture/article/chernobyl-disaster
Aktuelle Entwicklungen
https://www.iaea.org/sites/default/files/documents/gov2026-7.pdf